Von Peter Blochwitz

Was für ein Jahrgang! Es gab schon Filmfestivals in Cottbus, da räumte ein Film, wie im vergangenen Jahr der polnische Wettbewerbsbeitrag „Wilde Rosen“ von Anna Jadowska, die Preise reihenweise ab. Das 28. Festival hatte einen ausgeglichen stark besetzten Spielfilmwettbewerb. Die Jury, in der neben Anna Jadowska auch der aus Cottbus  stammende Schauspieler Uwe Kockisch saß, hatte es wahrlich nicht einfach bei ihren Entscheidungen. „Eigentlich gibt es zu wenige Preise“, hatte  Kockisch schon am Freitag gegenüber der RUNDSCHAU geäußert, dieser Satz  kann wohl als Überschrift über diesem Festival stehen bleiben.

Auch die Zuschauer waren offensichtlich hin- und hergerissen. Oft genug gewinnt einer der Wettbewerbs-Spielfilme den von der RUNDSCHAU gestifteten Publikumspreis, diese Streifen laufen in der Stadthalle vor der größten Kulisse, und sie werden ja auch noch wiederholt. In der Gunst des Publikums lag diesmal aber der Eröffnungsfilm „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“ des polnischen Oscar-Preisträgers Pawel Pawlikowski („Ida“) vorn. Und doppelte Freude: Der Neue  Visionen Filmverleih bringt „Cold War“, die Geschichte einer  unmöglichen Lieben in Zeiten des Kalten Krieges, auf die deutschen Leinwände mit der Unterstützung des Festivalpreises „Cottbus ins Kino“.

Der Hauptpreis ging an „Ayka“ (Russland/Deutschland/Polen/Kasachstan/China) von Sergey Dvort­sevoy, der 2008 in Cottbus für „Tulpan“ schon den Spezialpreis für die beste Regie gewonnen hatte. Dvort­sevoy widmet sich in seinem Film einer unvergesslichen Frauenfigur stellvertretend für all die Vergessenen „ganz unten“. Ayka ist eine kirgisische Migrantin, die in Moskau ums Überleben kämpft.

Die Zusammenfassung der Jury: „Der Film lässt uns durch konsistentes Erzählen, eine rastlose Kameraarbeit und intensives Spiel sehr nahe an die Protagonistin herankommen. Wir leben ihr Leben. Mit diesem dokumentarischen Ansatz überqueren wir die Grenze zwischen Fiktion und dem wahren Leben. Das öffnet uns die Augen für die Anstrengungen, die Wirtschaftsmigranten auf sich nehmen – eine der globalen Herausforderungen unserer Zeit.“

Nicht verwunderlich, dass der 29-jährige russische Shootingstar Ivan I. Tverdovskiy, der in Cottbus schon mit „Lenas Klasse“ und „Zooologie“  jeweils den Hauptpreis gewann, wieder unter den Preisträgern ist. Diesmal gab’s den  Spezialpreis für die beste Regie mit „Jumpman“.  Tverdovskiy schildert das Schicksal eines jungen Mannes, der aus dem Waisenhaus geholt wird und in eine durch und durch korrupte Welt kommt. „Mit seiner innovativen Kameraarbeit und seinem verstörenden Rhythmus hält uns der Regisseur in der Geschichte. Er überführt Traditionen des osteuropäischen Kinos in zeitgenössisches Geschichtenerzählen und bleibt dabei vielschichtig und unterhaltsam. Der Film ist eine unerwartete Parabel über Liebe und Schmerz in einer egoistischen Gesellschaft, zum Leben erweckt durch eine erfrischende Filmsprache“, so die Jury.

Die dann noch eine lobende Erwähnung aussprach für  „Die Ladung“ des serbischen Regisseurs Ognjen Glavonic: Krieg auf dem Balkan. Vlada verdingt sich als Fahrer, er überführt einen Transporter aus dem Kampfgebiet nach Belgrad. Er weiß nicht, was er da transportiert, aber er braucht nun mal dringend das Geld ...

Der starke Hauptdarsteller Leon Lucev war auch preisverdächtig. Die Ehrung als bester Schauspieler  erhielt dann der Este  Reimo Sagor für seine überzeugende Wandlung von einem unsensiblen Mann zum als verantwortungsvollen alleinerziehenden Vater in „Take it or leave it“. Der Film wurde von Estland für die Oscars in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ eingereicht.

Mit dem Preis für eine herausragende Darstellerin  würdigte die Jury die Leistung von Martina Apostolova, die im bulgarischen Film „Irina“ (Regie Nadeja Koseva)  eine junge Frau in der bulgarischen Provinz spielt, die sich auf eine Leihmutterschaft einlässt, um das Leben ihrer Familie zu sichern. Das hat die kleine, zarte Schauspielerin sehr handfest verkörpert! Die Jury: „Sogar in den dramatischsten Momenten nimmt sie uns mit ihrem engelsgleichen Gesicht gefangen.“ Dem ist nichts hinzutzufügen.

Die Kurzfilm-Jury – bestehend aus der deutschen Schauspielerin Inka Friedrich, dem lettischen Regisseur Davis Simanis sowie dem Regisseur und Vorjahres-Kurzfilmsieger Michal Blasko („Atlantis“) – verkündete: „Der Hauptpreis geht an einen Film, der es dem Zuschauer erlaubt durch eine gute Dramaturgie, sensiblen Humor und eine gekonnte rhythmische Erzählung mitzuerleben, wie ein unschuldiger Wunsch eines kleinen Jungen eine einfache Familie in einen großen Konflikt stürzt, der geprägt ist von einer Atmosphäre der Angst in einem totalitären System. „Das Weihnachtsgeschenk“ von Bogdan Muresanu geht zurück in das Rumänien des Jahres 1989. Als wäre es gestern ...

Insgesamt vergab das Filmfestival Preise in einer Höhe von mehr als 80 000 Euro. Waren in diesem Jahr mit 217 Filmen aus 45 (Ko)Produktionsländern so viele wie noch nie im Programm, setzte das Festival  einen weiteren Rekord drauf. Es konnte mit 22 000 Besuchern  einen Zuschauerrekord feiern.

Das Schlusswort hat Programmdirektor Bernd Buder: „Die 28. Ausgabe des Filmfestivals Cottbus begeisterte Besucher und Fachpublikum gleichermaßen. Aus einem äußerst vielfältigen Wettbewerb, der starke Themen setzen und durch künstlerische Akzente überzeugen konnte, belohnte die Jury ganz unterschiedliche Werke, in deren Zentren Familienverhältnisse stehen.“

Nächste Festival-Ausgabe: 5. bis 10. November 2019.