Erschütterte Fans, Trauer-Tagebücher im Internet, Nachrufe in den Zeitungen. Mit Heft 25 der "Captain America"-Reihe wurde er aus dem Hinterhalt kaltblütig ausgemerzt. Und das ausgerechnet auf den Stufen eines Gerichtsgebäudes, wo sich der ultrapatriotische Held für die Erhaltung der Bürgerrechte einsetzen wollte.
Warum beförderte Marvel Captain America nach 66 Jahren ins Jenseits? Schon 1941 wurde er als Nazi-Verfolger mit einem Faustschlag in Adolf Hitlers Gesicht zum Sinnbild für Gerechtigkeit und Patriotismus. Kämpfte er doch unverdrossen gegen das Böse in der Welt, gegen korrupte Mächte, kalte Krieger und Terrorbanden. Über die vergangenen Jahrzehnte hat Marvel Entertainment immerhin mehr als 200 Millionen Captain-America-Hefte an Fans in 75 Ländern verkauft. Eine klare Antwort gibt es nicht. "Captain America zu töten, ist eine spannendere Geschichte für unsere Leser", sagte Dan Buckley, Verleger bei Marvel Entertainment, dem Sender ABC. "Das ist interessanter als Cap in einer Zelle beim Nachdenken zuzusehen."
Tatsächlich drohte dem aufmüpfigen Helden eine Gefängnisstrafe. Seinen letzten Kampf, in der jüngsten Mini-Serie mit dem Titel "Civil War", führte er gegen die eigene Regierung. Er rebelliert gegen ein Gesetz, das jeden Helden zwingt, seine besonderen Kräfte bei den Behörden registrieren zu lassen. Für Captain America eine klare Einschränkung seiner Rechte, für viele Fans eine deutliche Parallele zum umstrittenen "Patriot Act" und die schärfere Überwachung von Bürgern.
Lennie Chancey, Besitzer eines Comic-Buch-Ladens im kalifornischen Dublin, tröstet sich mit dem steigenden Marktwert von Captain America über dessen Tod hinweg. "Er ist meine Lieblingsfigur, daher bin ich schon persönlich betroffen, aber geschäftlich gesehen ist es großartig", sagte Chancey in der "San Mateo County Times". Todes-Heft Nr. 25 war in wenigen Stunden ausverkauft, die Nachfrage nach anderen Heften sei schon deutlich gestiegen. Ein toter Held bringt mehr Geld, weiß der Geschäftsmann. Als Superman 1993 vorübergehend kalt gestellt wurde, sei der Preis für die Hefte ums Fünffache gestiegen.
Doch zunächst dominieren die Nachrufe. "Captain America symbolisiert den Tod des amerikanischen Traums", philosophiert Jacob Heilbrunn in einem Leitartikel der "Los Angeles Times". "Zweifelsohne wird er wiederauferstehen, sobald sich dieses Land von seinem derzeitigen Fiasko erholt hat." Natürlich gibt es auch Verschwörungstheorien. "Ich bin überzeugt, dass sie ihn nicht getötet haben", erzählt Ken Willcutt der Zeitung "The Enterprise". "Ich glaube nicht, dass er tot ist", meint der Comic-Fan. "Sie haben ihn versteckt."
Dan Buckley zufolge ist derzeit aber keine Wiederbelebung der Figur geplant. Doch der unverwüstliche Cap schaffte es schon einmal aus dem Reich der Toten zurück. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatten ihn seine Schöpfer einfach mit einem Flugzeug abstürzen lassen. 1964 tauchte er dann in einem Eisblock im Atlantik wieder auf. Sollten die tödlichen Kugeln seine Karriere als Comic-Heft-Figur jetzt wirklich beendet haben, so kann er immer noch auf Hollywood setzen. Nach früheren Plänen soll Captain America 2009 ins Kino kommen und dann zumindest als Leinwandheld weiterleben.