"Ich kann die Gefahren in den Bergen einschätzen." Für diesen Satz haben Einheimische in den Alpen nur ein müdes Lächeln übrig. Denn wer am Fuße von Watzmann, Matterhorn oder Wildspitze aufgewachsen ist, kennt die Unberechenbarkeit der Natur. Zugereiste Fans boomender Bergsportarten verkennen dagegen oft die Gefahr. In der Urlaubszeit häufen sich tödliche Kletter- oder Wanderunfälle. Vor den Augen seiner Freunde ist erst am Sonntag ein vom Fotografieren abgelenkter Mann aus Nordrhein-Westfalen in den Tiroler Bergen in den Tod gestürzt. Der 59-jährige aus dem Raum Köln war am Sonntag mit drei Freunden im österreichischen Stubaital unterwegs, wie die Polizei am Montag berichtete. In rund 2500 Metern Höhe blieb er unterhalb eines stahlseilgesicherten Wegstückes stehen, um Fotos zu machen. Weil er ein dumpfes Geräusch hörte, drehte sich ein Mitwanderer nach Polizeiangaben um - und sah den 59-Jährigen rund hundert Meter in die Tiefe stürzen. Der Rettungshubschrauber brachte die Leiche und die drei geschockten Männer ins Tal.

Dieser tragische Unfall ist aber nicht typisch. Für Experten liegt das Problem in einer Mischung aus Egoismus, Selbstüberschätzung und Klimawandel.

"Manche überschätzen sich und meinen, sie können das", sagt Markus Hölzl von der Bergrettung Südtirol. Rund 100 völlig erschöpfte Wanderer mussten in diesem Jahr in Südtirol bereits ins Tal gebracht werden. Fehlende Ausrüstung sei meist nicht das Problem, so Hölzl: "Das mit der schlechten Ausrüstung, das war mal. Die fahren sowieso nur mit der Seilbahn hoch, laufen ein Stück und bleiben dann stehen."

Ähnliches berichtet der Pressesprecher des Deutschen Alpenvereins (DAV), Thomas Bucher: "Das typische Unfallopfer ist männlich, über 40 und hat schon länger keinen Sport gemacht." Generell erwische es sowohl ungeübte als auch erfahrene Bergsportler, aber immer mehr Menschen riefen die Retter, weil sie schlicht nicht mehr weiterkommen: "Das hat natürlich mit der Verbreitung von Handys zu tun, aber auch damit, dass es immer mehr Leute gibt, die sich selbst überschätzen."

"Die Probleme in den Bergen kann man nicht von heute auf morgen lösen", sagt der Geschäftsführer der Tiroler Bergrettung, Peter Veider. Für ihn kollidiert bereits seit Jahren in den Bergen die moderne Gesellschaft mit dem Klimawandel. "Die Natur spielt immer mehr verrückt", sagt der erfahrene Retter. Ex treme Wetterlagen mit allen Belastungen für Alpinisten häuften sich, zudem "fallen die Berge zusammen". Das Gestein sei brüchiger, es gebe mehr Steinschläge und Hangrutsche. Die sich zurückziehenden Gletscher verstärkten den Effekt noch. Erst dieser Tage starb eine 25-jährige Bayerin, als sie sich beim Abstieg vom Tiroler Verpeiljoch an einer Felsplatte festhielt, die jedoch abbrach.

Auf diese unfreundlichere Umgebung treffen dann laut Veider häufig Menschen, die mit "Vollkasko-Mentalität" und deutlich weniger Eigenverantwortung als früher durch die Bergwelt stapfen. Die gute Rettungskette, eine Versicherung, High-Tech-Ausrüstung und ein stets empfangsbereites Smartphone suggerierten eine falsche Sicherheit nach dem Motto: "Wenn was schiefläuft, kommt eh der Heli." Der kann aber auch nur tagsüber bei gutem Wetter starten.

Ein weiteres Puzzlesteinchen für eine drohende Katastrophe ist für den Tiroler der zunehmende Leistungsdruck in der Gesellschaft, gepaart mit mehr Egoismus. Weil die Menschen mehr arbeiten müssten, bleibe weniger Zeit für wichtige Erfahrungen draußen. "Die Sensibilität für die Natur und das freie Gelände gehen verloren - die Leut' werden einfach patscherter (tollpatschiger)." Zudem nehmen laut Veider die schwierigen Sucheinsätze nach Alpinisten stark zu, die allein unterwegs sind. Wovon alle Experten entschieden abraten.

Ein für die Retter typisches Negativ-Beispiel: In seinen zwei Tagen Auszeit will der gestresste und erfolgsverwöhnte Bürohengst unbedingt auf den Gipfel. Schließlich hat er viel Geld in die Ausrüstung investiert. Der schlechte Wetterbericht wird da genauso wie die fehlende Begleitung schnell zur Seite geschoben.

In den Statistiken bleiben die Todeszahlen im langjährigen Vergleich aber weitgehend stabil. "Wir haben im Jahresmittel rund 40 Tote, und das hat nicht zugenommen", sagt Bucher vom DAV. Dennoch hätten viele Fälle aus Sicht der Experten leicht vermieden werden können.