Geht es nach ihrem eigenen Gleichnis, ist die Hauptfigur Okichi im neu entdeckten und rekonstruierten Bertolt Brecht Stück „Die Judith von Shimoda“ gleich mehrfach zerbrochen. Die umstrittene Uraufführung des Lehrstückes um den Verfall des Helden nach der Heldentat wird vom Publikum im Theater in der Josefstadt in Wien mit lang anhaltendem Applaus gefeiert, Star des Abends ist Mavie Hörbiger in der Titelrolle.

Um die vom Theater groß beworbene Brecht-Uraufführung hatte es im Vorfeld Streitereien mit dem Berliner Ensemble gegeben, die die dramatische Entdeckung der „Judith von Shimoda“ für sich reklamierten. In der Tat hatten die Berliner bereits 1997 ein gleichnamiges Stück uraufgeführt. Basis waren aber nur fünf der elf geplanten Szenen, die bisher aus dem Nachlass des deutschen Dichters vorlagen.

Erst 2004 stößt der Literaturwissenschaftler Hans Peter Neureuter bei seinen Nachforschungen in Finnland auf ein komplettes finnisches Manuskript der Autorin Hella Wuolijoki. Sie hatte im Sommer 1940 gemeinsam mit Brecht in ihrer finnischen Landvilla daran gearbeitet, aus der Geisha-Geschichte des Japaners Yuzo Yamamoto eine Fassung für die europäischen Bühnen zu schaffen. Jahrzehnte später hat nun Neureuter die Aufgabe vollendet und aus all dem vorliegenden Material ein Drama übersetzt und erarbeitet, dass 2006 bei Suhrkamp erschienen ist und nun erstmals in Wien gezeigt wird.

Mit schwarzer Turmfrisur, in einen prachtvollen Kimono gehüllt und mit schleifenden Trippelschritten bewegt sich Hörbiger als berühmte Geisha Okichi über die Bühne. Um ihre Stadt Shimoda vor einem Angriff der Amerikaner zu retten, geht sie als Dienerin auf Druck ihrer Regierung und aus eigener moralischer Verpflichtung in das Haus des amerikanischen Konsuls (Peter Kern), um ihn zu besänftigen. Der - unglaublich fett in weißem Anzug und ganz amerikanisches Ekelpaket - presst ihre Hand in seinen Schritt und fordert von ihr röchelnd die in Japan verbotene Kuhmilch „Milk!“. Sie geht auf all seine Wünsche ein und wendet wie die biblische Judith im Lager von Holofernes die Gefahr von ihrer Stadt ab - doch damit sind erst vier von elf Szenen um.

„Aber ich habe immer wissen wollen, wie es Judith später erging, nach der Heldentat“, hallt es aus einer Theaterloge. Als Rahmenhandlung sitzen rechts und links der Bühne je zwei Theaterbesucher, die das Stück im Stück auf der Bühne in „Zwischenspielen“ kommentieren und ein Zwiegespräch mit dem ebenfalls auftretenden Regisseur halten. Der lässt weiterspielen und zeigt über Jahre den Abstieg der als „Ausländerhure“ beschimpften und dem Alkohol verfallenen Heldin.

Kostüm- und Bühnenbildnerin Amra Bergman bemüht sich sehr, dem europäischen Schauspiel-Ensemble einen Hauch des „echten“ Japans zu geben. Die Damen trippeln blass geschminkt und im Kimono über die Bühne, die Herren tragen streng zurückgekämmtes schwarzes Haar und Schwert, im Hintergrund erstreckten sich weiter Wolkenhimmel oder eine Meereslandschaft. Zudem gab der japanische Botschafter in Wien, Akio Tanaka, den Schauspielern noch Nachhilfe in japanischem Verhalten, zum Beispiel bei einer Teezeremonie. Albern findet er die Versuche der Europäer, Japaner zu spielen, nicht: „Es muss gar nicht völlig authentisch sein.“

Während bei der Premiere der eher konventionellen Inszenierung einige Darsteller als Japaner dennoch befremdlich wirken, fesselt die junge Hörbiger als vielschichtige, gefallene Geisha. Mit zarter Freundlichkeit erobert sie das Herz des Botschafters, im Sake-Rausch klagt sie herb ihr Schicksal und das aller Frauen an, brüsk und stolz weist sie als gefallene Heldin alle gutmenschlichen Almosen ab. Am Ende sitzt sie krank und halb wahnsinnig mit strähnigem, offenen Haar auf dem Boden und kippt tot um. Zu einer heroischen Ballade ist ihre traurige Geschichte bereits vertont worden. „Wieviel da nötig ist, bis eine Heldentat abgezahlt ist!“, kommentiert die Frau aus der Loge entrüstet.