Genau 200 Jahre nach der Uraufführung in Weimar zeigten Brandauer und Stein im Berliner Ensemble, dass Kleists Komödie noch immer ihren Reiz hat.

Wo Johann Wolfgang von Goethe als Uraufführungs-Regisseur von 1808 noch beim Publikum scheiterte, weil er den Einakter auf drei Akte zerdehnte, beschränkt sich Stein auf kompakte zweieinviertel Stunden ohne Pause. Die Zuschauer nahmen die mit Verve gespielte, in Stein'scher Manier textgetreue Aufführung mit viel Gelächter zwischen den einzelnen Szenen und langem Schlussapplaus auf. Vereinzelte Buhrufe gab es am Ende dennoch für Hauptdarsteller Brandauer und Regisseur Stein.

Brandauer spielt mit sichtbarer Lust den schlitzohrigen Dorfrichter Adam, der sich am Gerichtstag in einem sehr fragwürdigen Zustand befindet. Immer neue Erklärungen bringt er als Gründe für die zwei Kopfwunden, das kaputte Schienbein und seinen insgesamt erbärmlichen Zustand vor. Der Mann mit dem „sprechenden Namen“ ist im weltlichen Sinne der Versuchung in Gestalt der Jungfer Eve (Marina Senckel) erlegen und weiß nur zu gut, dass es nicht einfach sein wird, aus dieser Sache wieder herauszukommen.

Tina Engel ist in der Rolle der Klägerin Marthe Rull zu sehen, die den Verlobten (Roman Kanonik) ihrer Tochter Eve vor den Richter Adam bringt. Der junge Mann soll in der Nacht in Eves Kammer einen kostbaren Krug zerschlagen und dem Mädchen womöglich die Unschuld geraubt haben. Der Verlobte aber behauptet, er habe einen ganz anderen Mann im Zimmer von Eve überrascht. Alles deutet auf den ehrwürdigen Richter selbst hin. Die Verhandlung wird zur Farce. Zumal plötzlich der Gerichtsrat Walter - wunderbar lässig interpretiert von Martin Seifert - zur Kontrolle des Provinzkollegen erscheint.

In der Figur von Dorfrichter Adam waren schon Emil Jannings, Helmut Qualtinger, Gustav Knuth oder Traugott Buhre zu sehen. Brandauer überzeugt, weil er nicht übertreibt. Seinem kahlgeschorenen Richter verleiht er mit meist sparsamen Gesten, aber dafür umso ausdrucksvollerer Mimik Charakter. Immer stechen Brandauers schelmisch blitzende Augen heraus. Seine größte Fähigkeit aber ist, dass er den alten, teils altertümlichen Text so unverkrampft spricht, als entsprängen die Worte und Sätze unser modernen Sprache. So fällt es dem Zuhörer leicht, auch die Kleist'schen Zwischentöne zu erfassen.

Ferdinand Wögerbauer hat für die Stein-Inszenierung einen braun- grünen Bühnenraum geschaffen, in dem am Anfang echte Hühner herumlaufen. Später gehören der Schreibtisch mit Perserteppich-Auflage und der lederbezogene Richterstuhl zu den wenigen Möbelstücken. Erst zum Ende, nach dem Sprung des Richters aus dem Fenster, öffnet sich das Bühnenrund und gibt den Blick frei auf eine Schneefläche, auf der sich die Figuren zu einem letzten Tanz versammeln - versöhnliches Ende inbegriffen.