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Patrick Herrmann im Interview
"Phasen, in denen es nicht läuft, sind menschlich"

Exklusiv | Mönchengladbach. Borussia Mönchengladbachs Patrick Herrmann spricht über die Entwicklung des Klubs, Gänsehaut-Erlebnisse und Potenzial, das Borussia nicht abgerufen hat. Der Rechtsaußen stellt auch klar, dass er sich pudelwohl fühlt in Gladbach. Karsten Kellermann und Jannik Sorgatz

Auf einer Veranstaltung der Rheinischen Post, bei "MG ist IN", waren Sie zuletzt im feinen Zwirn unterwegs. Wie fühlte sich das an als Geschäftsmann? Sie haben in die Gastronomie der Kaiser-Friedrich-Halle investiert.

Patrick Herrmann Etwas ungewohnt, der Anzug ist natürlich nicht meine alltägliche Kluft. Aber es war eine super Veranstaltung. Ich konnte nette Kontakte knüpfen – und das Essen war auch sehr gut (lacht). So habe ich mal andere Leute getroffen.

Das kommt als Fußballer sicher nicht so oft vor.

Herrmann Im Stadion lernt man auch viele Leute kennen, aber da geht es tatsächlich fast nur um Fußball. Bei "MG ist IN" war es ein lockereres Zusammenkommen, bei dem man auch mal über private oder geschäftliche Sachen sprechen konnte.

Nervt es als Fußballer, wenn man immer auf dasselbe Thema angesprochen wird?

Herrmann Nerven würde ich es nicht nennen. Klar, in der Familie rede ich auch über andere Sachen. Aber wenn ich unterwegs bin, gehört es halt dazu, dass ich als Fußballer gesehen werde. Da geht es dann meist um die aktuelle sportliche Situation – egal ob die gerade gut oder schlecht ist. Ich bin jetzt auch schon ein paar Jahre dabei und habe mich daran gewöhnt.

Worauf würden Sie stattdessen gerne mal angesprochen werden?

Herrmann Der Fußball ist halt ein Thema, auf das jeder aufspringen kann und bei dem jeder weiß, dass ich mich damit gut auskenne. Deshalb ist das schon nachvollziehbar. Einfach mal fragen, wie es mir geht oder so, das wäre schon okay.

Und? Wie geht es Ihnen?

Herrmann Ganz gut eigentlich. Ich bin fit, bin bereit und gebe auch im Training Gas.

Gegen Hoffenheim haben Sie als offensiver rechter Verteidiger gespielt. So wie beim 3:3 kann es weitergehen, oder? Sowohl für Sie als auch für die Mannschaft.

Herrmann Klar. Vorher habe ich ein paar Spiele nicht gemacht. Da ist man natürlich schnell frustriert, aber das ist normal. Man denkt darüber nach, was man besser oder anders machen kann, damit man wieder von Beginn an ran darf. Aber auch in fünf oder zehn Minuten hilft man der Mannschaft immer so gut, wie es geht.

Am Ende der Hinrunde kam das Thema auf, dass es jetzt auch um Ihre Zukunft in Gladbach geht. Haben Sie da mittlerweile neue Erkenntnisse gewonnen?

Herrmann Gladbach wird immer mein Verein sein. Ich habe auch gar keine Abwanderungsgedanken. Es ging einfach darum, dass man unzufrieden ist, wenn man nicht so viel spielt. Das ist aber ganz normal. So geht es nicht nur mir, sondern jedem anderen Bundesligaspieler. Wenn man immer nur auf der Bank sitzt und das super fände, wäre es auch schlimm. Für den Sommer habe ich keine konkreten Pläne, mein Vertrag läuft dann ja auch noch ein Jahr…

… trotzdem ist gerade das heutzutage der Zeitpunkt, um zu sagen: Wir müssen mal reden.

Herrmann Jein. Es gibt auch Spieler, die ihre Verträge erfüllen. Wie gesagt, ich will nicht weg. Wenn ich meine Einsätze bekomme, bin ich zufrieden. Natürlich müssen wir auch gucken, wie es hier sportlich aussieht am Ende der Saison. Aber ich fühle mich mega wohl, habe Familie in Gladbach, mein Bruder macht gerade sogar ein Praktikum im Verein. Von daher sind hier über die Jahre viele Freundschaften und Kontakte entstanden, die man nicht einfach so wegwirft.

Sie sind jetzt 27 Jahre alt, sind seit fast zehn Jahren hier und haben fast 300 Pflichtspiele für Borussia gemacht. Haben Sie nicht das Gefühl, dass mal ein Tapetenwechsel her müsste?

Herrmann Überhaupt nicht. Irgendwann müssen wir mit dem Verein sprechen, weil der Vertrag 2019 ausläuft, klar. Aber ich bin da ganz entspannt und lasse das auf mich zukommen.

Tauschen Sie sich schon mal mit Kollegen wie Christoph Kramer oder Lars Stindl aus, die hier ebenfalls sehr glücklich sind, aber schon andere Profiklubs erlebt haben? Im Endeffekt können Sie ja gar nicht wissen, wie es woanders wäre.

Herrmann Das stimmt. Zehn Jahre sind schon eine verdammt lange Zeit. Manchmal liege ich zu Hause und denke darüber nach, was in der Zeit so alles passiert ist: A-Jugend, ein paar Amateurspiele, dann zu den Profis. Für die Mannschaft ging es zwar erstmal bergab, aber danach nur noch steil bergauf. Das sind viele tolle Erinnerungen, wenn ich zurückdenke an so Spiele wie in Rom vor 10.000 Borussia-Fans oder überhaupt die erste Europapokal-Saison nach so langer Abstinenz. Da haben wir als Spieler ein Kribbeln gespürt, wie es jeder Fan kennt. Wenn ich an die Champions-League-Hymne denke, bekomme ich jetzt noch Gänsehaut. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Speziell habe ich mich da nicht ausgetauscht, vielleicht mal unmittelbar nach Chris‘ Rückkehr aus Leverkusen. Insgesamt gehen die Meinungen da auch auseinander. Ich weiß, was ich hier habe – nicht nur, was den Zusammenhalt in der Mannschaft angeht, sondern im gesamten Verein.

Spüren Sie den auch in dieser schwierigen Phase?

Herrmann Auf jeden Fall, dafür muss ich auch nirgendwo anders gewesen sein, um den zu spüren. Ich will jetzt keine Namen nennen, aber es kommen auch Spieler, die erzählen, dass sie sich in ihren alten Klubs gar nicht wohlgefühlt haben. Die meinen dann, dass es hier ganz anders sei.

Sportlich läuft es momentan nicht. Ihnen kommt die Lage sicher weniger schwierig vor, weil Sie Anfang der 2010er-Jahre schlimmere Zeiten erlebt haben.

Herrmann Damals war es wirklich kurz vor knapp und wir hatten schon Angst vor dem Abstieg. Aber der Wille und die Hoffnungen waren einfach immer da, das waren keine Durchhalteparolen. Wir wussten, dass wir das noch irgendwie schaffen. Das machte damals den Zusammenhalt aus, und so ist es heute noch.

Obwohl seit der Relegation bis auf Tony Jantschke und Sie die komplette Mannschaft ausgetauscht wurde?

Herrmann Auf jeden Fall. Wir haben auch neue Charaktere dazugewonnen, den Zusammenhalt aber kontinuierlich beibehalten. Das zieht sich durch den ganzen Verein: von den Fans über die Mitarbeiter bis zu den Fans. Man kann da schon von einer Familie sprechen.

Wobei die Fans zuletzt öfter ihren Unmut geäußert haben.

Herrmann Das Anspruchsdenken ist auch bei uns größer geworden. Wir wissen, wo wir vor sieben Jahren waren, als wir fast abgestiegen sind…

... die Frage ist, ob es einen nicht auch bremst, wenn man immer daran denkt, dass es irgendwann einmal schlimmer war.

Herrmann Das wollte ich gerade sagen. Die Ansprüche sind ja zu Recht gestiegen. Wir haben Europa League und Champions League gespielt – und natürlich wollen wir irgendwann wieder dahin.

Sie selbst haben auch schon bessere Zeiten erlebt: 2015 waren Sie Nationalspieler, haben elf Tore in der Bundesliga geschossen. Wenn wir ehrlich sind, sind Sie davon gerade ein gutes Stück entfernt.

Herrmann Das ist auch so. Damals sind wir in die Champions League gekommen. Wie gesagt: Da will man natürlich wieder hin, ich persönlich genauso wie die Mannschaft. Aber es ist auch völlig menschlich, dass es Phasen gibt, in denen es nicht so gut läuft. Wenn es immer nur bergauf ginge, würden wir irgendwann die Meisterschaft, den DFB-Pokal und die Champions League gewinnen.

Muss man sich denn Sorgen machen um Borussia, dass der Trend in den nächsten Jahren nach unten zeigt?

Herrmann Die Gefahr sehe ich überhaupt nicht. Solche Phasen, in denen es nicht optimal läuft, gibt es in jedem Bundesligaverein.

Ein Thema dieser Saison sind die vielen Verletzten. Trotzdem wäre mehr drin gewesen.

Herrmann Natürlich ist es immer besser, wenn alle an Bord sind. Alleine, weil der Konkurrenzkampf größer ist. Aber Sie haben Recht, es wäre mehr drin gewesen, wenn ich an Spiele wie zu Hause gegen Leipzig denke, als wir in der letzten Minute das 0:1 bekommen haben. Da könnte so ein Ding von mir auch mal reingehen, keine Frage. Momentan fehlt mir ein wenig das Glück, dann hält der Torwart auch noch gut. Aber das darf alles keine Ausrede sein. Das sind alles Spiele, die auf der Kippe standen und die wir in letzter Minute verloren haben, wie auch in Köln. Das trägt dann alles dazu bei, dass die Kurve nach unten zeigt. Da müssen wir vorne effektiver sein und hinten besser stehen.

Was war anders in der besten Zeit unter Lucien Favre, als vorne oftmals ein Tor reichte, weil hinten die Null stand?

Herrmann Das meinte ich gerade: Da haben wir auch mal 1:0 oder 2:1 gewonnen. Oftmals war das gar kein herausragender Fußball. Wir haben es auch nicht verlernt, selbst wenn wir jetzt andere Spieler haben. Das Potenzial müssen wir nur abrufen.

Das Spiel in Frankfurt ist das Paradebeispiel: Hinten verlieren Sie den entscheidenden Zweikampf vor dem Gegentor, vorne treffen Sie die Latte.

Herrmann Genau das ist es. Das letzte Fünkchen fehlt in den entscheidenden Situationen, egal ob bei mir oder bei anderen. Und irgendwie häuft es sich in letzter Zeit.

Die Zeit läuft Borussia ein wenig davon, bald ist die Saison zu Ende. Glauben Sie noch an Platz sieben?

Herrmann Wer nicht mehr daran glaubt, ist fehl am Platz. Jeder muss jetzt 110 Prozent geben, alle müssen sich noch mal steigern.

Der Zusammenhalt wird immer gelobt. Daran kann es nicht liegen. Oder ist die Stimmung in gewisser Weise zu gut?

Herrmann Uns wird öfter nachgesagt, dass wir nicht kämpfen. Das sehe ich aber gar nicht so. Wer nicht kämpft, kann gegen Hoffenheim nicht dreimal zurückkommen. Aber das war auch wieder so ein Spiel: Wir machen selbst drei Tore und kassieren drei kuriose Treffer. Solche Dinge müssen wir abstellen, allerdings habe ich da jetzt auch kein Geheimrezept.

Wird es in der Kabine denn auch mal laut?

Herrmann Jeder darf sauer sein, wenn wir verlieren, und auch offen seine Meinung sagen. Aber am Ende hilft es uns nur, wenn wir sachlich bleiben, und nicht, wenn wir uns gegenseitig anschreien. Es bringt auch nichts, einzelne an den Pranger zu stellen, weil es immer am gesamten Team liegt.

Zuletzt haben Lars Stindl und Josip Drmic ihre Torlos-Serien beendet. Wären Sie jetzt mal an der Reihe?

Herrmann Ich tue ja alles dafür, letztens gegen Hoffenheim kam ich schon im Fünfmeterraum zum Kopfball (lacht). Natürlich würde es der Birne guttun, wenn so ein Ding mal reingeht und der Torwart den Ball nicht grandios hält. Für Lars und Josip hat es mich aber enorm gefreut, gerade für Josip, der lange verletzt war, diese Situation kenne ich ja.

Dreierkette oder Viererkette – was gefällt Ihnen besser?

Herrmann Die Viererkette ist halt das System, in dem ich um die 270 Spiele gemacht habe. Von daher kann ich das blind. Gegen Hoffenheim in der Dreierkette fand ich es aber ganz gut. Natürlich kann ich mich nicht nach hinten beamen, wenn ich vorne bin. Aber da sind dann eben die anderen gefragt, Tony Jantschke hat in den Situationen ja auch gut rübergeschoben.

In Frankfurt beim ersten Versuch hatte es nicht gut geklappt.

Herrmann Da hatte ich auch Probleme, reinzukommen. Das gebe ich ganz ehrlich zu, die erste Halbzeit war verkorkst. Aber in der zweiten haben wir über rechts nichts mehr zugelassen, und vorne hatte ich die große Chance mit dem Lattenschuss.

Wird man das System jetzt öfter sehen?

Herrmann Könnte sein, aber das entscheide nicht ich. Das Spiel gegen Hoffenheim war gut. Man hat gesehen, dass es gefruchtet hat und der Gegner viele Probleme damit hatte. Deswegen sehe ich keinen Grund, warum ir es nicht spielen sollten. Im Gegenteil.

Karsten Kellermann und Jannik Sorgatz führten das Gespräch