Günter Atte muss auf Anweisung seiner Hausärztin sieben Mal am Tag seine Blutwerte messen. „Wenn man von Diabetes betroffen ist, sollte man regelmäßig seinen Zuckerspiegel im Blut mit einem Teststreifen kontrollieren“, erklärt der 70-Jährige. Für die Blutzuckermessung benötigt er nur noch eine sehr kleine Menge Blut, die er auf den Blutzuckerstreifen gibt. In einem entsprechend dazugehörigen Messgerät misst er seinen Blutwert. „Die Blutwerte dürfen nicht zu sehr schwanken“, erklärt er weiter. Um eine bessere Kontrolle und damit mehr Sicherheit zu haben, benötigt er in der Woche 50 Blutzucker-Teststreifen. „Dafür bezahle ich jetzt in der Woche fast 40 Euro, denn die Krankenkasse übernimmt diese Leistung nicht mehr“, erzählt der Weißwasseraner und fügt hinzu „Das finde ich unsozial.“

Tatsächlich hat der Gemeinsame Bundesausschuss für Gesundheitsfragen (GBA), die Kostenübernahme für Diabetiker-Teststreifen eingeschränkt. Gesetzliche Krankenkassen übernehmen seit dem 1. Oktober keine Kosten für Blutzucker-Teststreifen bei Diabetikern mit dem Typ 2. So auch Günter Attes Krankenkasse, die AOK Plus.

Krankenkasse verteidigt Regelung „Der GBA ist für uns ein gesetzgebendes Organ. Und an solche Beschlüsse müssen sich alle Krankenkassen halten“, erklärt Hannelore Strobel, Pressesprecherin der AOK Plus und fügt hinzu: „Die Entscheidung beruht auf Patienten, deren Werte ziemlich stabil sind.“ Für Diabetiker, deren Stoffwechsellage instabil ist, sind Blutzucker-Teststreifen weiterhin von den Krankenkassen zu erstatten.

Selbsthilfegruppe enttäuscht

Doch auch bei der Selbsthilfegruppe der Diabetiker in Weißwasser ist der Beschluss des GBA ein Thema. „Das wird für diejenigen Diabetiker, die sich kein Insulin spritzen müssen, eine teure Angelegenheit“, erklärt Selbsthilfegruppenleiterin Heidemarie Drodowsky. „Ich selbst finde das nicht in Ordnung“, sagt Drodowsky. Sie weist darauf hin, dass das vielfach von den Ärzten eingeforderte Selbstmanagement und die Beherrschung der Krankheit dadurch unmöglich gemacht werden. Gerade für Senioren seien die Selbsttests jedoch sehr wichtig, weil sie sich durch die Messungen sicherer fühlen.

Auch Günter Atte, der seit mehr als zehn Jahren an Diabetes leidet, fühlt sich durch die Selbstkontrolle sicherer: „Es ist mit Diabetes schon nicht einfach. Und ohne Tabletten geht es einfach nicht. Damit ich weiß, dass meine Werte trotz Tabletten nicht über den Wert 13 kommen, muss ich mein Blut ständig kontrollieren. Es besteht nämlich immer die Gefahr der Über- oder Unterzuckerung.“

Der Beschluss des GBA hat jedoch das genaue Gegenteil festgestellt. Diesem liegt eine Nutzenbewertung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen zugrunde. In dessen Ergebnis wurde eingeschätzt, „dass nicht insulinpflichtige Patienten, die orale Antidiabetika einnehmen, von einer Selbstmessung nicht profitieren, weil sich daraus keinerlei direkte Konsequenzen auf die Therapie ergeben“.

Blutmessungen reduzieren

A uch die Weißwasseraner Ärztin für Diabetologie lenkt ein: „Diabetiker mit dem Typ 2, die sich kein Insulin spritzen, brauchen nach meiner medizinischen Ansicht nicht jeden Tag ihre Blutwerte bestimmen. Die Blutwerte der Patienten, die Tabletten einnehmen, sind meistens recht stabil“, sagt Dr. Rotraud Fiedler. „Zudem gibt es noch andere Kontrollmöglichkeiten wie zum Beispiel eine Blutabnahme beim Arzt.“

Der 70-jährige Günter Atte kann als Betroffener den Beschluss dennoch nicht verstehen. „Ich werde aus Sicherheit trotzdem meine Blutwerte regelmäßig bestimmen“, sagt er. Um nicht in jeder Woche 40 Euro an die ortsansässigen Apotheken zu bezahlen, will Atte in Zukunft bei einer Versandapotheke für einen wesentlich günstigeren Preis seine Blutzucker-Teststreifen bestellen. „Das rate ich auch allen anderen Rentnern mit Diabetes, die kein großes Budget haben.“