S chon die ägyptischen Pharaonen haben sie benutzt. Und in Europa kamen sie im 17. Jahrhundert in Mode: Schirme – als Sonnen- oder Regenschutz. Entsprechend alt ist das Schirmmacher-Handwerk. Auch in der Familie von Fernando Kracht reicht die Berufstradition mehrere Generationen zurück. „Schon mein Urgroßvater war Schirmmacher in Magdeburg. Seither hat es in jeder Generation Schirmmacher gegeben“, erzählt der Cottbuser.

Obwohl er schon als Kind gerne dem Vater in dessen Löbauer Schirmmacher-Werkstatt zur Hand gegangen sei, habe er selbst zunächst das Zimmererhandwerk gelernt. „Erst als mein Vater in den 80er-Jahren schwer krank wurde, bin in den elterlichen Betrieb eingestiegen und habe doch noch die Lehre zum Schirmmacher und Markisenbauer gemacht“, erinnert sich der 52-Jährige. 1988 kam er mit seiner Frau nach Cottbus und hat in der Ostrower Straße ein eigenes Geschäft eröffnet. In der Werkstatt, die zum Laden gehörte, hat Fernando Kracht Schirme repariert und selbst angefertigt. Heute führen die Krachts ein Taschen- und Lederwarengeschäft in der Cottbuser Sprem. Dort verkaufen sie auch Schirme, handgemachte jedoch nur noch selten.

Früher war das anders. „Vor der Wende lag das Verhältnis von Reparaturen zu Neuanfertigungen und Verkauf bei 80 zu 20 Prozent. Nach der Wende hat sich das Verhältnis umgekehrt. Jetzt verkaufen wir vor allem industriell gefertigte Schirme“, sagt Fernando Kracht. Von Hand fertigt er höchstens noch drei bis vier Schirme pro Jahr. Darunter sind auch Sonderanfertigungen fürs Theater oder Schirme in Übergrößen, die auf speziellen Kundenwunsch hergestellt werden. „Für das Cottbuser Staatstheater habe ich etwa einen Biedermeierschirm mit Rüschen gemacht. Und für einen besonders großen Herrn einen Schirm mit entsprechend größerem Durchmesser“, erzählt der Handwerker, für den die sorgfältige Verarbeitung einen wirklich guten Schirm ausmacht. So gelte es zum Beispiel, die Schirmseide für die Bespannung exakt zuzuschneiden, zu vernähen und sorgsam zu säumen. „In Fabriken werden die Stoffteile ausgestanzt. Dabei liegen mehr als 60 Lagen übereinander. Dadurch werden die Teile nicht ganz spiegelgleich“, sagt Kracht.

Für die traditionelle Schirmmacherei brauche es Fertigkeiten in mehreren Arbeitsfeldern: „Der Handwerker muss beim Herstellen der Griffe und Stöcke mit der Drehbank umgehen können, aber auch mit Zange und Nähmaschine“, erklärt der Cottbuser. Und für das Markisenmachen, das zu seinem Ausbildungsberuf gehört, seien beim Umgang mit Leder auch Sattlerfähigkeiten gefragt.

Ihn persönlich habe an seinem Beruf immer besonders gefallen, dass er dabei seine Kreativität ausleben konnte: „Zwar war zu DDR-Zeiten vieles knapp und auch das Material zur Herstellung der Schirme gab es nur auf Zuteilung. Doch aus dem, was es gab, konnten wir unsere eigenen Kollektionen entwickeln und herstellen. Das hat mir großen Spaß gemacht.“ Auch damals sei ein handgemachter Schirm verhältnismäßig teuer gewesen. „Dafür hat er auch zehn bis 15 Jahre lang gehalten und sich reparieren oder neu mit Schirmseide beziehen lassen“, sagt Fernando Kracht. Heute koste ein handgefertigter Schirm zwischen 50 und 250 Euro. „Der Markt wird jedoch von Billigware überschwemmt“, bedauert der Handwerker. Zwar würden viele Kunden in Cottbus nach wie vor nach qualitativ hochwertigen Schirmen fragen. Doch die kostengünstigen Massenprodukte, die es an jeder Ecke zu kaufen gibt, machten den exklusiven Qualitätsprodukten auf dem Absatzmarkt Konkurrenz.

„Es ist eine Frage der Einstellung: In Italien oder Frankreich etwa, wo man sehr viel Wert auf Mode und Kleidung legt, wird auch einem Schirm als Accessoire mehr Wert beigemessen. Das ist in Deutschland anders“, erklärt Fernando Kracht. „In den eben genannten Ländern gibt es noch Manufakturen, die sehr gefragte exklusive und hochpreisige Schirme herstellen. Dort wird der Beruf sicher weiterleben.“

In Deutschland jedoch gehört Fernando Kracht zu den letzten Vertretern seiner Zunft. „Die nächsten Schirmmacher, die ich kenne, gibt es in Dresden und Weimar. Keiner von ihnen bildet mehr Lehrlinge aus“, sagt der Cottbuser. Laut Handwerkskammer gibt es die Schirmmacherei deutschlandweit nicht mehr als Ausbildungsberuf. Fernando Kracht erfüllt das mit Wehmut: „Das ist sehr schade, dass ein so schönes Handwerk in unserem Land aussterben wird .“