Was bleibt von unserem Sinneseindruck, wenn Vorurteile und Sehgewohnheiten ausgesetzt sind? In der Landkreisverwaltung am Lübbener Beethovenweg sind das seit Dienstagabend gedeckte Farben mit starken Akzenten, oft einer dominanten schwarzen Linie, geometrischen Formen und schemenhaft erkennbaren Umrissen. „Fugato“ hat Roswitha Grüttner aus Blankenfelde bei Berlin ihre Ausstellung genannt und damit ausgedrückt, dass sie Einzelteile zu einem Ganzen zusammenfügt.

Diese Einzelteile beziehen sich meist auf starke, klare Emotionen in Bezug auf Landschaften. Roswitha Grüttner wandelt sicher auf dem schmalen Grat zwischen Abstraktion und gegenständlicher Form. Mit dem Bildtitel als kleinem Tipp setzt sie im Betrachter aktive und individuelle Deutungsprozesse in Gang, die ihn beispielsweise auf die Spur des Hausboots auf dem französischen Canal du Midi führen. „Da stimmte alles. Mit Gelassenheit schauten wir die Landschaft an, alles war ruhig und rund. Wunderschön“, schwärmt sie – und genau diese Begeisterung fließt in die Bilder ein. Die 72-Jährige, die gerne reist, hat dabei durchaus Vorlieben: „Es gibt Landschaften, die schwingen mit mir, andere gar nicht“, sagt sie.

Seit 1964 lebt Grüttner als freischaffende Malerin und Grafikerin in Blankenfelde, nachdem sie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert hatte. Gebürtig ist sie in Heidebreck nahe Krakau in Oberschlesien.

Ihre Begeisterung für das, was sie sieht, spiegelt sich in den Bildern wieder. Zunächst fertigt sie vor Ort Skizzen, zuhause erschafft sie die eigentlichen Arbeiten. Roswitha Grüttner, das gab sie im Künstlergespräch vor der Vernissage gerne zu, ist da sehr kritisch. Wenige Bilder stellen sie gleich zufrieden, oft arbeitet sie hinein, wäscht ab, lässt die Arbeit liegen, ordnet neu. Als Papier dient ihr meist Pack- oder Einwickelpapier. „Wenn mir die Farbigkeit gefällt, hebe ich das auf.“

Es geht also in aller Regel nicht um die Landschaft an sich, sondern um das, was die Künstlerin dabei empfindet. Ihre Emotionen stehen im Mittelpunkt und führen zu einer Kombination von grafischen Formen und Farben in verschiedenen Abstufungen und Dicken, wie es Laudatorin Gerlinde Förster ausdrückte. „Roswitha Grüttner spürt Energien auf und macht sie sichtbar. Die so entstandenen Kraftfelder erkennt sie als Beziehung zwischen Körper und Raum.“