Trainerin Brigitte Seliger entgeht keine Bewegung. Sogar beim Aufwärmen gibt sie ihren Schützlingen Hinweise, denn sie sollen später auf der Bühne eine perfekte Show bieten.
Für die Zuschauer muss es aussehen, als sei die Wirbelsäule der Artisten aus Gummi. Brigitte Seliger bildet „Schlangenmenschen“ aus, Kontorsionisten genannt. Unsicherheiten akzeptiert die resolute 76-Jährige nicht. Sie war selbst jahrzehntelang Berufsartistin. Anfang der 70er-Jahre gründete sie das Kinder- und Jugendensemble Artistik in Coswig. Später entstand daraus ein Trainingszentrum, in dem bis zu 75 Mädchen und Jungen gleichzeitig ausgebildet wurden. Seit der Wende findet das Training in kleinerem Rahmen statt. Derzeit trainieren bei dem eingetragenen Verein 25 junge Leute im Alter zwischen drei und 31 Jahren. Am Anspruch habe sich jedoch nichts geändert, sagt Brigitte Seliger.

Professionalität der „DDR-Schmiede“
Bei der Ausbildung der Sachsen sei noch die ehemalige „DDR-Schmiede“ spürbar, bestätigt Sandra Kubicka von der Kölner Künstler-Agentur Harlekin Promotion und beurteilt das durchaus positiv. Sie bucht die Artisten aus Coswig seit Jahren wegen ihrer Professionalität und Zuverlässigkeit. „Ich könnte auch Künstler aus Russland, der Mongolei oder China buchen“, betont sie. Doch bei den Sachsen schätze sie den Fleiß und die Disziplin. Gleichzeitig könne sie aber auch sicher sein, dass die Ausbildung anders als in manchen ausländischen Artistenschulen ohne Züchtigung der jungen Athleten erfolgt.
Gefragt sind die Schlangenmenschen aus Coswig im In- und Ausland. Namhafte Konzerne buchen sie für ihre Galas, die Artisten treten bei Zirkusfestivals im In- und Ausland oder auf Messen auf. Zwei junge Künstler – das Duo Diana Börner und Philipp Stelzer – sind bis in die USA bekannt. Bei einem Artistentreffen in Las Vegas sei ihnen direkt ein Engagement angeboten worden, um mit einer Show durch die USA zu touren, erinnert sich Marcella Renner-Seliger, die Tochter der Seniorchefin und Managerin des Künstlerpaares. Da der 17-jährige Philipp Stelzer aus Radebeul – wegen seiner Gelenkigkeit ein Glücksfall für die Coswiger – noch Schüler ist, lehnten er und seine 21-jährige Partnerin das Angebot jedoch ab – ebenso wie lukrative Auftritte auf Kreuzfahrtschiffen und ein Gastspiel auf Zypern.

Kein Zwang zu Höchstleistungen
Karriere ist jedoch nicht das Hauptziel der Schule. „Wir wollen die jungen Leute in erster Linie von der Straße holen und zwingen niemanden zu Höchstleistungen“, unterstreicht Renner-Seliger. Jeder könne sich ausprobieren und seine Stärken finden – bei der Stuhlbalance, auf dem Einrad, an Akrobatikgeräten, beim Jonglieren oder eben als Kontor sionist.