Der Druck auf dem Arbeitsmarkt und die demografische Entwicklung könnten für psychisch kranke Menschen in dieser Region einen Gewinn bringen. Arbeitgeber, die über fehlende Arbeitskräfte klagen, könnten motiviert sein, sich verstärkt auch bislang häufig ausgegrenzten Menschen mit psychischen Erkrankungen zuzuwenden. Zu beiderseitigem Vorteil.

Auch ohne Einladungen zu verschicken, war das Bürgerhaus in der Kurstadt beim 6. Psychiatrietag des Landkreises mit mehr als 120 Zuhörern gefüllt. Unter ihnen Betroffene. Die Forderung von Elbe-Elster-Landrat Christian Jaschinski (CDU): über die Ursachen von Krankenständen nachdenken und über die Humanisierung der Arbeitswelt sprechen. Arbeitsplätze seien an den Menschen und dessen Möglichkeiten anzupassen und nicht umgekehrt. "Das klingt gut", knüpfte Reiko Mahler, Psychiatriekoordinator im Gesundheitsamt Elbe-Elster, Organisator und Moderator der Veranstaltung, an. Die reale Lebenswelt zeigt sich indes ungleich rauer. Arbeitsplätze, die auf psychische Erkrankungen zugeschnitten seien, gebe es nicht viele. Ein Teilnehmer der Konferenz, 40 Jahre alt, schilderte aus eigenem Erleben: "Ich bin Maler. Ich habe meine Arbeit gern gemacht. Aber wenn es nicht so läuft, wie es sich der Arbeitgeber vorstellt, dann wird alles getan, um einen rauszubugsieren. Ich hatte Albträume. Die Welt ist brutal."

Etwa 400 000 bis 500 000 Menschen im erwerbsfähigen Alter sind in Deutschland von schweren, chronisch verlaufenden psychischen Erkrankungen betroffen. Diese Dimension machte der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Niederlausitz, Thomas Winkler, deutlich. Nur rund zehn Prozent dieser Menschen sind auf dem regulären Arbeitsmarkt - inklusive Integrationsfirmen - voll- oder teilzeitbeschäftigt. 20 Prozent arbeiten in Werkstätten für Behinderte. Weitere 20 Prozent befinden sich in beruflichen Trainings- und Rehamaßnahmen. Die Hälfte aller chronisch psychisch Kranken ist ohne Arbeits- oder Beschäftigungsangebot. Thomas Winkler machte die Konferenzteilnehmer mit dem Krankheitsbild der Schizophrenie bekannt. Diese kann sich in verschiedenen Ausprägungen zeigen. Zum Beispiel auch so: Ein 34-jähriger Mann fühlt sich einer göttlichen Mission verpflichtet, versucht Mitpatienten zu segnen und zu bekehren. Er weist keinerlei Gedächtnisstörungen auf. Lediglich die Auffassungs- und Abstraktionsfähigkeit ist etwas eingeschränkt. "Warum kann ein solcher Mensch nicht in den Arbeitsmarkt eingebunden werden?", fragt Thomas Winkler.

Er wünscht sich ein genaueres Hinsehen auf den Einzelfall. Zu häufig ende aus seiner Sicht die Betrachtung mit einem Rentenantrag. Da habe man das Gefühl, der Betroffene sei versorgt. Jedoch würden viele gern aus dem Netz der psychiatrischen Betreuung heraus und in die normale Arbeitswelt integriert werden. Eine solche Eingliederung bewirke persönlichen Erfolg und Sicherheit und sei Kriterium für Genesung, Identität und sozialen Status.

Michael Marke, Reha-Berater bei der Agentur für Arbeit, macht eines klar: "Medizinische Maßnahmen gehen beruflichen voraus. Ein weitgehend stabiler, austherapierter Zustand muss vorliegen, eine Tagesstruktur muss vorhanden sein. Wenn das nicht vorliegt, können wir den Betreffenden nicht retten." Leitgedanke sei in jedem Falle: Teilhabe statt Isolation. Der Wunsch von Thomas Winkler, dass es wie bei einem Hausarzt auch bei der Agentur jemanden geben müsse, der, bezogen auf eine Person, alle Fäden in der Hand halte, sei die Realität. Fallmanager und Rehaberater würden dann alles bündeln.

Aber - und damit rollt Michael Marke den Ball an die Kunden zurück - manchem falle es schwer, einer Personen zu vertrauen, er suche sich bei verschiedenen Rat. In jedem Falle sei es wichtig, Betriebe zu finden, "die anders ticken", auch in Elbe-Elster seien sie vorhanden, schätzt Marke ein. Man sei dabei, im Landkreis eine Integrationsfirma aufzubauen.

Über die Arbeit des Integrationsfachdienstes informierte Nadine Abdel Baghy vom Lebenshilfe-Verein aus Finsterwalde. Die Arbeit des Beruflichen Trainingszentrums in Dresden stellten Karin Hofmann und Thomas Pohl vor. Hier sei man spezialisiert auf die Arbeit mit psychisch Erkrankten. Voraussetzung für die Zusammenarbeit sei eine positive Eingliederungsprognose. Die Teilnehmer werden unter geschützten Bedingungen für den Umgang mit der Arbeitsrealität trainiert. Fachliche Kenntnisse seien dabei weniger das Problem. "Die kommen schnell wieder zum Vorschein", weiß Karin Hofmann.

Angepasst an den Hilfebedarf und das berufliche Ziel arbeite man nach einem individuellen Förderplan. Die Kosten werden in der Regel von der Arbeitsagentur oder dem Rentenversicherer getragen. Für den 40-jährigen Maler aus Elbe-Elster ist das Trainingszentrum in Dresden allerdings vergleichbar mit dem Durchqueren des Himalaja. "Wie soll ich da hinkommen?" benennt er sein Problem.