"Umnummerierung ist ein immenser Aufwand - auch für die Bürger. Oder wollen Sie wirklich den Kudamm
umnummerieren?"
 Rüdiger Meyer, Senatsverwaltung
für Stadtentwicklung


Wer aber glaubt, das Berliner Prinzip dann verstanden zu haben, wird meist schon an der nächsten Straßenkreuzung eines Besseren belehrt. Im Straßennetz der Hauptstadt ist es keine Seltenheit, dass Hausnummern in einer Straße wechselseitig und in der Querstraße nach dem „Hufeisenprinzip“ vergeben sind. Bestes Beispiel: Der Boulevard „Unter den Linden“ ist im Zickzack nummeriert. Das heißt auf der linken Straßenseite sind die Hausnummern ungerade, auf der rechten Seite gerade - so wie sonst in der Republik üblich. In der Friedrichstraße, die den Lindenboulevard kreuzt, herrscht das alte Hufeisensystem: Auf der rechten Seite geht es mit eins los, am Ende der Straße springt die Nummerierung auf die gegenüberliegende Seite und läuft zurück.
„Das ist ein typisches Beispiel, wo es beide Systeme nebeneinander gibt und sie sich nicht beißen“ , sagt Rüdiger Meyer von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und dort zuständig für Vermessungen. Eigentlich gehört „Unter den Linden“ zu den historischen Straßen der Hauptstadt und müsste daher dem Hufeisenprinzip folgen. Die Allee sei zu DDR-Zeiten umnummeriert worden, vermutet Meyer.
Um größerer Verärgerung vorzubeugen, warnen viele Reiseführer vor der Verwirrung - häufig vergeblich. Aber auch viele Berliner können nicht mit Sicherheit sagen, nach welchem Prinzip eine Straße nummeriert ist. „Selbst ein eingesessener Taxifahrer hat da hin und wieder Probleme“ , bekennt Uwe Gawehn von der Berliner Taxi-Innung. Dass ein Fahrer nicht auf Anhieb die richtige Hausnummer findet, käme auch nach langjähriger Berufserfahrung noch vor. Sein Patentrezept: Ein Navigationsgerät. 30 bis 40 Prozent der Taxifahrer hätten inzwischen so eine Hilfe. Wenn die Suche nach der richtigen Nummer doch mal länger dauert, könnte man sich ja auf einen Preisnachlass einigen, sagte Gawehn schmunzelnd.
Dass es heute beide Systeme nebeneinander gibt, hat einen ganz einfachen Grund, erklärt Meyer: „Umnummerierung ist ein immenser Aufwand - auch für die Bürger. Oder wollen Sie wirklich den Kudamm umnummerieren?“
Das Hufeisensystem hatte Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. im Jahr 1799 in Berlin eingeführt. Ausgangspunkt der Nummerierung waren damals das Stadtschloss und die Ortskerne. Seit Anfang der 1920er-Jahre wurde dieses System abgelöst und Straßen nur noch wechselseitig mit Nummern versehen, berichtet Meyer. Probleme bereite das gesellige Nebeneinander, wenn eine Straße verlängert werden soll, sagte die Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Petra Rohland. Meist werde aber einfach ein neuer Name vergeben. Ein Patentrezept, schnell die richtige Hausnummer zu finden, gibt es leider nicht. Für Touristen und Berlin-Neulinge bleibt meist nur: suchen.