Von Marek Majewsky

Drei junge Männer sitzen in einem Auto und reden von Stolz, Männlichkeit, Ehre und darüber, dass man einen anderen Menschen „totschlagen“ muss. Was archaisch klingt, findet offen im Netz statt – die Szene wird gefilmt. Dieser Streit, den man auch als Sandkastenzwist zwischen zwei pubertierenden Machos abtun könnte, endet in realer Gewalt: Auf dem Berliner Alexanderplatz im Herzen der Hauptstadt kommt es am 21. März zu einer Massenschlägerei – zuvor hatten zwei Streithähne im Internet zu einem Treffen aufgerufen.

Doch wie war es zu der Schlägerei auf dem Alex mitten in Berlin gekommen? Der Reihe nach: Wer „Beef“ sucht, muss schon länger nicht mehr zum Metzger gehen. Diese neudeutsche Bezeichnung für Streit ist längst ein feststehender Begriff – vor allem in der Hip-Hop-Szene. „Beef“ wird von vielen Internetstars genutzt, um ihre Bekanntheit zu steigern und um mehr Anhänger zu generieren.

Verbale Streitereien mit türkischen Schimpfworten

„Dieser kleine orospu (türkisch für Hure) ist ein kleiner piç (Bastard/Hurenkind), den man einfach nur totschlagen muss“, hatte der YouTuber „Bahar al Amood“ zuvor in einem mittlerweile gelöschten Video lachend gesagt. In seinem Streit mit „ThatsBekir“ – ebenfalls YouTuber – geht es offenbar darum, dass al Amoods Handynummer von seinem Kontrahenten veröffentlicht worden war. Später gibt er als Begründung zudem respektloses Verhalten von Bekir an. Tatsächlich werden Ausschnitte von Instagram-Livechats gezeigt, in denen Frauen ohne ersichtlichen Grund massiv von Bekir beleidigt werden. „Im Internet wird die Selbstinszenierung besonders wichtig, weil man sonst leicht im Überangebot der Informationen untergeht. Dies begünstigt eine extreme Selbstdarstellung, eine Gier nach Aufmerksamkeit um fast jeden Preis“, sagt der Psychologe Peter Walschburger von der Freien Universität Berlin.

Was vor einigen Wochen zwischen den YouTubern „ThatsBekir“ und „Bahar al Amood“ in Berlin passiert ist, hat mit Talent und harter Arbeit wenig zu tun. Rund 400 Jugendliche waren Aufrufen der beiden gefolgt, am Alexanderplatz zu einem „Fantreffen“ zusammenzukommen. Bahar al Amood hatte seinen Kontrahenten aus Stuttgart zuvor gewarnt, nach Berlin zu kommen. „Er wird die Schläge seines Lebens kriegen“, kündigte er in seiner Instagram-Story an.

Fast ausschließlich jüngere Männer schlagen sich

Auf Videos, die das anschließende Fantreffen zeigen, ist zu sehen, wie Bekir mit einer flachen Hand ins Gesicht geschlagen wird, dann eskaliert die Situation, die fast ausschließlich jungen Männer prügeln aufeinander ein. Die Polizei versuchte unter anderem mit Reizgas, sie zu trennen. „Etwa 20 von ihnen rannten in den U-Bahnhof und sprangen ins Gleisbett, wo sie sich mit Schottersteinen bewarfen“, sagte der Polizeisprecher nach dem Einsatz. Die Polizei nahm sieben Beteiligte vorübergehend fest, 13 Ermittlungsverfahren wurden eingeleitet.

Neu sind diese gruppendynamischen Phänomene laut Walschburger nicht. „Wenn man gegen Autoritäten rebellieren will, ist man in einer Jugendkultur gut aufgehoben. Schon zu meiner Jugendzeit haben wir unglaublichen Unfug angestellt“, sagt er. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: „Es ist gut untersucht, dass sich Tendenzen, die in Gruppen beobachtet werden können, im Netz massiv verstärken können.“ Es gebe zwei grundlegende gruppendynamische Prinzipien: Einerseits könne das Verhalten eines einzelnen Individuums die gesamte Gruppe beeinflussen. Andererseits folge eine Gruppe einem dominanten Einzelnen, dem es gelinge, das Gruppenverhalten zu kontrollieren, sagt Walschburger.

Für die beiden YouTuber hat sich die Sache zumindest unter einem Gesichtspunkt gelohnt. Die Zahl ihrer Follower ist nach der Prügelei auf dem Alexanderplatz deutlich gestiegen. Welche rechtlichen Konsequenzen die Sache haben wird, bleibt abzuwarten.