Erst war es ein Hinweis, dann wurden die Ermittlungen ausgeweitet – und jetzt nehmen die Beamten die ganze Sache „Stück für Stück auseinander“. Schnell wurde klar, so erzählt es Hagen Hahnemann, dass die Bande Buntmetall gestohlen hat, um aus den Erlösen einen Rauschgifthandel aufzuziehen. Hahnemann ist Chef der Arbeitsgruppe Rauschgift im Schutzbereich Oberspreewald-Lausitz. Diese AG sei ein in Brandenburg einmaliges Konstrukt, die nach jahrelanger Kleinarbeit den Nachweis erbracht hat: „Fast alle Drogen-Konsumenten sind in Eigentumsdelikte verwickelt.“

In Wohnungen in Calau wurde Diebesgut aus den Niederlanden, aus den alten Bundesländern und aus Calau, Lübbenau und Luckau gefunden. Das Metall sollte offenbar in Lübbenau verkauft werden, um aus den Erlösen Rauschgift für den Markt und den eigenen Konsum zu beschaffen.

Der Fall zeige, wie wichtig eine solche Arbeitsgruppe gerade dort ist, wo es keine Rauschgift-Dezernate bei der Polizei gibt. Hahnemann: „Die Drogenszene ist komplett durchstrukturiert. Je länger man sie agieren lässt, desto undurchsichtiger wird das Ganze.“ Je eher aber der Druck durch Ermittler zu spüren sei, desto bessere Kontrolle gebe es.

„In der Region sind alle Drogen in allen Mengen zu bekommen“, sagt Hahnemann. Heroin, Kokain, Cannabis, seit geraumer Zeit auch Metamphetamine, aus denen das „derzeit stärkste Gift auf dem Markt, das Crystal“ gewonnen wird.

Das Rauschgift-Problem betreffe letztlich alle, mahnt Hahnemann. Das Einstiegsalter liege oft schon zwischen 11 und 12 Jahren, meist über vermeintlich weiche Cannabis-Produkte. Manch junges Mädchen sei in die Abhängigkeit geschlittert, weil es Metamphetamine probiert hat. Diese sind laut Hahnemann zunächst durch ein Medikament bekannt geworden – als Appetitzügler. Da die Gewinnspannen sehr hoch sind, „werden wir überrollt von dem Zeug“. In der Region werde oft das Doppelte bezahlt für ein Gramm Crystal, zwischen 75 und 85 Euro. Wo es hergestellt wird, meist im Grenzbereich in Tschechien, koste das Gramm 35 bis 40 Euro. Eltern und Schulen müssten „sich dem öffnen. Totschweigen oder unter den Teppich kehren bringt nichts, denn das bricht irgendwann unkontrolliert auf“, warnt Hahnemann. Viele Schulen nutzten daher bereits die Beamten für Informationen und Aufklärung. Auch die Polizisten selbst sind geschult worden. Die Zahl der unter Drogeneinfluss fahrenden Autofahrer steigt auch deshalb, weil die Streifenpolizisten genauer hinschauen können. Dadurch ist ihnen im Juli nahe Bischdorf eine 24-jährige Crystal-Konsumentin ins Netz gegangen.

Kontrollen und Ermittlungen gehen so Hand in Hand: Die meisten Handtaschenräuber brauchen Geld für Drogen, und die meisten Konsumenten sind in Diebstähle verwickelt. In Vetschau ist ein Rentner vor einer Bankfiliale überfallen worden, als er Geld abgehoben hatte. Der Täter war Drogenkonsument.

Die Drogen richten aber noch viel mehr Schäden an: So steige vor allem durch Crystal die Gewaltbereitschaft der Konsumenten „exorbitant an“, erklärt Hahnemann. Zu spüren bekommen das oft Streifenpolizisten, die zu Ruhestörungen oder Kneipenstreits gerufen werden. Etwas besonders Perfides leistete sich offenbar ein Mitglied der Calauer Bande: Die Ermittler fanden eine Tasche mit eingebauter Kamera. Damit soll der Mann vermutlich am Senftenberger See und im Lübbenauer Spreeweltenbad Frauen und Kinder beim Umkleiden gefilmt haben – unter Drogeneinfluss. Es gebe da „durchaus erschreckende“ Bilder aus sexueller Motivation, sagt Hahnemann.

Ziel der Arbeitsgruppe sei aber nicht vordergründig der kleine Konsument, der oft durch Zufall oder im Rahmen anderer Ermittlungen gefasst wird. „Wir machen vor allem auf ein Problem aufmerksam, das uns Stück für Stück unterwandert“, sagt Hahnemann.

Viele Zahlen dazu gibt es nicht. „Die Statistik ist kein Abbild der Wirklichkeit, sondern sie zeigt die Ermittlungsarbeit der Polizei“, erklärt der AG-Chef. Pro Jahr hat die Truppe etwa 200 Fälle auf dem Tisch – in diesem Jahr hat sie diese Marke bereits bis September erreicht. Im kommenden Jahr könnte das schon wieder anders aussehen – denn noch weiß niemand, ob die Arbeitsgruppe in dieser Form die anstehende Polizeireform übersteht.