Beleidigung ist - juristisch gesehen - ein Antragsdelikt und wird nur verfolgt, wenn fristgemäß eine Strafanzeige bei der Polizei eingeht. Doch selbst wenn die Frist gewahrt wurde, kann die Strafverfolgung ausgehen wie das Hornberger Schießen. "Gerade bei Beleidigungen steht oft Aussage gegen Aussage, sodass das Verfahren vom Gericht häufig eingestellt wird", schildert der Rechtsanwalt Michael Winter seine Erfahrungen. Wer sich also in seiner Ehre verletzt fühlt und seinen Kontrahenten anzeigt, sollte vorher gut abwägen, ob sich der Aufwand lohnt. Denn der Gang vor Gericht kostet immer Zeit und Nerven - bei ungewissem Ausgang.
Beleidigende Gesten im Straßenverkehr wie Zunge rausstrecken können das Portemonnaie um 150 Euro schmälern. Einen Vogel zeigen schlägt mit 1000 Euro zu Buche. Der berühmte „Stinkefinger“ kann bis zu 4000 Euro kosten. "Und wenn der Vordermann noch so nervt, der Hintermann drängelt oder ein dreister Zeitgenosse den anvisierten Parkplatz blockiert - niemand sollte sich provozieren lassen", legt Brigitta Mehring von der Arag-Rechtsschutzversicherung allen Verkehrsteilnehmern ans Herz.

Angriff auf die Ehre
Juristisch kann es sich bei Vogel, Stinkefinger & Co. um eine Beleidigung handeln, die als Angriff auf die Ehre einer Person durch Kundgebung der Missachtung oder Nichtachtung definiert wird. Das ist eine Straftat, und da hört der Spaß auf. Gemäß Paragraf 185 StGB kann eine Beleidigung mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe belegt werden. Bei tätlicher Beleidigung sind nach Aussage Mehrings sogar Freiheitsstrafen bis zu zwei Jahren möglich. Werde eine Beleidigung auf der Stelle erwidert, könne allerdings der Richter laut Paragraf 199 StGB beide oder einen Beteiligten für straffrei erklären.
Für Beleidigungen im Straßenverkehr werden üblicherweise Geldstrafen verhängt. Da es hier aber keinen einheitlichen Strafenkatalog gibt, variiert das Strafmaß. Die wirtschaftlichen Verhältnisse des Täters, die Umstände der Tat - wer hat wen, wann, wo, wie beleidigt - und nicht zuletzt das Gericht, vor dem verhandelt wird, spielen eine Rolle. "Das Maß aller Dinge ist jedoch der Tagessatz", erklärt die Arag-Fachfrau. Seine Höhe ergibt sich aus dem monatlichen Nettoeinkommen, geteilt durch 30 - ist jedoch auf einen Höchstsatz von 5000 Euro beschränkt.
Meist werden für eine Beleidigung zehn bis 30 Tagessätze verhängt. So kann das Zeigen eines Vogels 20 bis 30 Tagessätze kosten. Bei einem angenommenen monatlichen Nettoeinkommen des Delinquenten von 1500 Euro wären damit 1000 bis 1500 Euro fällig. Die rausgestreckte Zunge liegt mit durchschnittlich 150 Euro am unteren Ende der Skala. Für die Scheibenwischergeste waren schon 350 Euro zu zahlen, und der Kreis aus Daumen und Zeigefinger kann bis zu 750 Euro kosten.

Unentschlossener „Doppelvogel“
Sich mit der Hand an die Stirn schlagen, sich die Hand vor die Augen halten oder den Kopf angewidert wegdrehen sind Gesten, die in der Urteilspraxis bislang nicht als beleidigend bewertet wurden. Buch stäblich in der Luft hängt dagegen der „Doppelvogel“ , bei dem mit beiden Zeigefingern an beide Schläfen getippt wird. Nach Meinung der Richter des Düsseldorfer Oberlandesgerichts ist diese Geste keine Ehrverletzung (Az.: 5 Ss 383/95-21). Ganz abgesehen davon, dass beide Hände ans Lenkrad gehören, sollten sich Autofahrer jedoch nicht auf die Toleranz der Richter verlassen. Denn ein anderes Gericht sah im "Doppelvogel" sehr wohl eine Beleidigung und quittierte solches Tun mit 40 Tagessätzen.
Besondere Zurückhaltung empfiehlt sich bei der Beurteilung von Ordnungshütern, im Besonderen bei Polizisten. Da sie die Staatsgewalt verkörpern, wird bei Beleidigungen selten ein Auge zugedrückt. Wer einem Ordnungshüter den gestreckten Mittelfinger zeigt, kann mit bis zu 4000 Euro bestraft werden. Die rausgestreckte Zunge kann sich auf 300 Euro verteuern. Mit einer weiteren Besonderheit im Miteinander von Bürger und Beamten wartet Arag-Fachfrau Mehring auf: Der böse Finger ist auch dann eine Beleidigung, wenn er sich gegen das Objektiv einer Videoüberwachungskamera richtet. Laut Bayerischem Obersten Landesgericht (Az.: 5 St RR30/2000) wird dadurch eine „befasste Amtsperson“ beleidigt, nämlich der diensttuende Beamte, der hinter dem Monitor sitzt. 40 Tagessätze sind dafür einzukalkulieren.