Es gibt wenige Modedesigner, die so beharrlich mit dem Wort "Avantgarde" assoziiert werden wie Raf Simons. Dem 1968 im nahe Eindhoven liegenden Neerpelt geborenen Belgier merkt man an, dass er von der experimentellen Designschmiede des Antwerpener Modemachers und Querdenkers Walter van Beirendonck geprägt wurde. 2011 kuratierte der neue Dior-Designer mit großem Erfolg ein Avantgarde-Festival in Berlin.

In der Modeszene zählte er schon vor seinem Debüt als Chefdesigner von Jil Sander 2005 zu den zukunftsweisenden Designern der Welt. Als "Exzentriker" jedoch, wie ihn der Luxus-Online-Shop "The Corner" bezeichnet, kann man den zurückhaltenden, äußerst höflichen Designer nicht bezeichnen.

Das traf eher auf John Galliano zu, dem Vorgänger von Simons bei Dior. Der machte gerne aus seinen Schauen ein Spektakel mit theatralischen Roben. Simons hingegen paart seine Liebe zu Kunst, geometrischen Farbspielen und optischen Effekten, bei denen man verwundert zweimal hinschaut, mit klaren geraden Linien und so hervorragenden wie alltagstauglichen Schnitten.

Eine Herausforderung

"Ich fühle mich fantastisch", sagte der Designer der US-Zeitung "New York Times" in einer telefonischen Reaktion in Antwerpen. Für Dior zu arbeiten, sei eine riesige Herausforderung, aber auch ein Traum. Die Marke stehe für absolute Eleganz.

Mit seiner Ernennung zum neuen Chefdesigner für die Damenmode bei Dior kehrt hoffentlich Ruhe in das Modehaus ein. Nach dem Herauswurf von Galliano vor einem Jahr hat Bill Gaytten interimsmäßig das Atelier koordiniert. Zugleich tauchten immer wieder neue Namen für die Galliano-Nachfolge auf dem nervösen Markt der Modemedien auf. Dass der nun gekürte Simons auch für ein Traditionslabel hervorragend arbeiten kann, hat der 44-Jährige bei der Marke Jil Sander bewiesen.

Nachdem ihm zu Anfang die treuen Sander-Jüngerinnen nicht ganz folgen wollten, gelangen ihm in den vergangenen Saisons beeindruckende, vielgelobte Kollektionen. Die Vorstellung der Wintermode 2012/13 wurde zu einem emotionalen Abschied, als klar war, dass Jil Sander (68) zu ihrer früheren Modemarke zurückkehrt und Simons von ihr abgelöst wird.

Neben Jil Sander verfolgte Simons seine eigene Herrenlinie weiter. 1995 hatte er als Quereinsteiger sein Modelabel gegründet. Der studierte Industrie- und Möbeldesigner war zum Kleiderentwerfen ermutigt worden von der legendären Linda Loppa, Leiterin der Modeabteilung der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen.

In einem Interview mit dem "W"-Magazin betont er zudem den Einfluss des belgischen Designers Martin Margiela auf seine Entscheidung, Kleidung zu entwerfen. Den architektonischen Formen seiner Mode merkt man an, dass Simons eher in körperlichen "Räumen" als in stofflichen Flächen denkt. Und über den "Stoffrand" hinausblickt: Neben seiner Tätigkeit als Designer leitete Simons fünf Jahre lang als Professor die Modeabteilung der Universität für Angewandte Kunst, Wien.

Nur nicht spießig

Mit seinen Entwürfen verschaffte er modebewussten Männern Shirts, Anzüge und Mäntel, die korrekt geschneidert, doch niemals spießig wirkten. In den ersten Jahren versah der Designer seine Entwürfe zudem manchmal mit anarchistischen Botschaften.

Seine Schauen inszenierte er als coole Moderituale.

Bei Dior wird Simons sicher eher an das Bild anknüpfen, was sein fast gleichaltriger Kollege Hedi Slimane dort vor Jahren für die Herrenmode gezeichnet hat: Cleane Entwürfe mit einem leichten Hang zum Abseitigen, eine präzise Formensprache und kompromisslose Modernität. Eben modische Avantgarde.