Von Lorenz Wagner

Das Auto rollte aus, vor ihrem Haus blieb es stehen. Ein junger Mann sprang heraus. Er klappte die Motorhaube auf. „Das darf nicht wahr sein!“, schimpfte er.

Kai trat aus dem Vorgarten. Es war Vormittag, ihre Straße lag verlassen da. Kai, seine Eltern und seine beiden Schwestern wohnten auf dem Campus. Selten verirrte sich ein Auto her.

„Hallo. Ich bin Kai.“

Der Mann beachtete ihn nicht.

„Fährt dein Auto nicht?“

„Nein“, stieß der Mann aus. Wie sollte er ins Institut kommen? Er würde zu spät kommen. Am Tag des Examens! Er würde durchfallen.

Kai drehte sich um und lief weg.

Der Mann setzte sich wieder in den Wagen, drehte vergeblich den Zündschlüssel.

Da kam schon wieder dieser Junge. Er hielt etwas in der Hand.

„Hier, der Schlüssel meiner Mama“, sagte Kai. „Du kannst unser Auto nehmen.“

Lachend erzählt seine Mutter Anat Markram heute, wie sie den Studenten dann zur Uni fuhr. Die Familie kann viele solcher Geschichten über Kai erzählen.

Kai, inzwischen 24, liebte schon immer die Menschen. Oft löste er sich aus der Hand des Vaters und lief zu den Leuten hin: zu den Passanten, den Alten, die auf den Bänken saßen. Kai umschlang ihre Beine, ohne etwas zu sagen. Kai sprach mit den Händen. Und strahlte von innen.

Schon als Kai wenige Tage alt war, erkannte sein Vater, Henry Markram, dass Kai anders war. Ständig spürten seine Augen Geräuschen hinterher, als sei er im Alarmbetrieb. „Keine Sorge“, sagten die Ärzte, „alle Tests sind gut“. Ein Unbehagen blieb. Markram war selbst Arzt, forschte am Max-Planck-Institut in Heidelberg.

Heute ist er einer der bekanntesten Hirnforscher der Welt. Er gewann Preise und initiierte ein Projekt, das sich vornahm, das Gehirn nachzubauen. Dazu schwang er sich zum Experten für Autismus auf. Seit der Jahrtausendwende, so die US-Gesundheitsbehörde, hat sich die Zahl der autistischen Kinder verdoppelt. Eines von 68. Autisten sind also keine Seltenheit, sie sind ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft, auch Greta Thunberg ist eine, die Umweltaktivistin, von der gerade die ganze Welt spricht. Wie Kai ist sie Asperger, wie Kai ist sie – gegen das Klischee – hochsozial und muss gegen Vorurteile kämpfen. Henry Markram ist gerade dabei, mit diesen gründlich aufzuräumen.  Nach fünfzehn Jahren der Forschung ist er zu Erkenntnissen gekommen, die ein völlig neues Licht auf Autismus werfen.

Auch mit drei Jahren wollte Kai kaum sprechen. Ihn trieb unbändiger Bewegungsdrang. ADHS, vermuteten die Ärzte, eine Fehldiagnose, die häufig vorkommt. Doch mit der Zeit wurden die Hinweise klarer. Kai aß nur ausgewähltes Essen, nahm alles wörtlich und legte den ganzen Tag Puzzle. Kai, der früher um die anderen kreiste, kreiste nun um sich selbst. Fast autistisch, sagte sich Henry.

Autismus. Ärzte nennen es Entwicklungsstörung. Die genaue Ursache ist unbekannt. Sie ist im Erbgut angelegt. Autisten ziehen sich zurück, haben Rituale. Jeder Autist ist anders. Man spricht von einem Spektrum. Manche bedürfen der Pflege, die meisten leben ein normales Leben. Sie wehren sich dagegen, „gestört“ genannt zu werden. Greta Thunberg nennt es eine „Stärke“, eine Ansicht, die Markram teilt. Besonders bekannt ist Asperger, er gilt als milde Form.

Die Ärzte sagten lange, Kai sei keiner: Autisten gingen nicht so wie er auf Menschen zu. Er sei ja „hypersozial“.

Kai wurde schwieriger und Henry ratloser. „Die meisten Menschen dachten ja, ich könnte meinem Kind mehr helfen als andere Väter. Aber ich fühlte mich ohnmächtiger. Ich hatte das Gefühl, nicht nur als Vater zu versagen, sondern auch als Hirnforscher.“

Markam nahm eine Auszeit, ein Jahr Amerika. Was weiß die Forschung, und was kommt davon in den Kliniken an? Wenig, musste er feststellen. Kai blieb ein Rätsel, im Urlaub trat er zur Kobra eines Schlangenbeschwörers und tätschelte sie.

Als Kai fünf Jahre alt war, kam endlich die Diagnose, Autist. Das hieß damals: Mangel an Empathie, soziale Defizite. Therapie: Gehirn anregen. Aus Markrams heutiger Sicht alles falsch.

Die Sache mit der Empathie kam ihm von Anfang an zweifelhaft vor. Warum hatte er dann bei Kai das Gefühl, dass er mich durchschaut? Wie schafft er es, Kamila und mich zu piesacken? Kamila, seine zweite Frau. Sie kamen zusammen, als Kai sechs war. Kamila ist Biopsychologin und Verhaltensforscherin. Wenn Kai sie ärgern wollte, stellt er sich auf die Bordsteinkante. Er wusste, was das auslöst.

Sie wurden eine Patchwork-Familie. Die leibliche Mutter Anat war immer für Kai da, und Henry und Kamila versanken in der Autismus-Forschung. Was Henry mit dem Mikroskop in der Zelle betrachtete, erkundete Kamila im Verhalten. Sie vereinten ihre Stärken. Zu einer Macht aber wurden sie erst durch Kai. Er brachte hinein, woran es der Wissenschaft oft fehlt: den ständigen Abgleich mit der Wirklichkeit. Zu dritt gingen sie einen Weg, den in der Autismus-Forschung so noch niemand gegangen war: die Verschmelzung von Leben und Lehre.

Dieses Tätscheln der Kobra, dieses Schockerlebnis, sollte zum Ausgangspunkt werden: Wo kam so was her? Nervenzellen können Signale verstärken oder schwächen. Den Impuls, eine Kobra zu tätscheln, sollte ein Gehirn hemmen. Lag hier das Problem? Zellen, die nicht hemmen? Sie machten Laborversuche mit autistischen Ratten, testeten über Monate deren hemmende Hirnzellen. Nichts. Da sagte ihre Mitarbeiterin Tania Rinaldi: Was ist mit dem Gegenpart? Den Zellen, die Signale verstärken? Volltreffer. Diese waren Hochleistungszellen, unglaublich lernfähig, Signalautobahnen, die Eindrücke rasten nur so. Nach vielen weiteren Versuchen konnten sie es kaum fassen: Autisten spürten nicht zu wenig, sie spürten zuviel. Ihr Rückzug war keine Störung – er war eine Reaktion. Sie hatten keinen Mangel sondern ein Übermaß gefunden. Kai war ein Junge, der zu viel fühlte.

Kai muss in einer ungeheuer intensiven Welt leben, sagte Kamila. Sie nannten es: „Intense World Syndrome“. Die Eindrücke sind überwältigend. Die Stimme der Mutter: ohrenbetäubend, die Lampe: gleißend, das Wolljäckchen: wie Schmirgelpapier. „Als er ein Kleinkind war, hätten wir mit Kai anders umgehen müssen“, sagt Henry. Ihn vor dem Übermaß schützen. Sie aber hatten ihn mit ins Kino genommen, sind mit ihm um die Welt geflogen, alles zu laut und bunt, dazu Medikamente, die das Gehirn anregten. „Wir hatten alles falsch gemacht.“

Das war doppelt schlimm. Nicht nur, dass die Tiere im Labor mehr empfanden, sie vergaßen auch nicht. So wie Kai nie vergaß, in welchem Zimmer er einst das Salatblatt aß, das Kamila ihm aufgezwungen hatte. Jeder Schmerz brennt sich ein, nährt den Rückzug.

Es war traurig. Aber sie forschten viele Jahre weiter. Und fanden heraus, dass sich die Ängste und Rückzug mildern und vermeiden lassen. Ein autistisches Kind sollte in einer normalen Welt aufwachsen, aber geschützt werden, wenn es Stresssymptome zeigt. Dazu einfache Regeln wie: „keine Computerspiele, keine Knallfarben und vor allem: keine Überraschungen“. Wenn diese Rücksicht bis zum Beginn der Schulzeit genommen wird, sagt Henry, ist die größte Gefahr gebannt: dass Teile des Gehirns in eine dauerhafte Überreaktion versetzt werden.

Es gibt Kritik an ihrer „Theorie der Intensiven Welt“, etwa Autismus sei zu komplex, um es allein damit zu erklären. Aber neue Studien stützen sie. Ärzte aus Toronto und Cleveland stellten fest, dass die Gehirne autistischer Kinder 42 Prozent mehr Informationen verarbeiten müssen. Sie loben Henrys Arbeit. Professoren in Harvard raten zum Schaffen von Vorhersehbarkeit. Forscher in Boston stellten fest, warum Autisten Menschen nicht in die Augen schauen: wegen „Übersensibilität“. Markrams Erkenntnisse sind in der Allgemeinheit angekommen. So berieten sie die Macher des Autisten-Films Life Animated, der 2017 für den Oscar nominiert war.

Er handelt von einem Kind, dem seine Rituale gelassen wurden: Disneyfilme schauen. Eines Tages fand sein Vater heraus: Wenn er als Disney-Charakter auftrat, konnte das Kind reden. Er hatte sich in die Welt des Kindes begeben, und so fand es langsam heraus. „Die Leute sagen, Autisten fehlt Empathie“, sagt Markram. „Nein, uns fehlt sie. Für sie.“

Lausanne, in den Räumen von Frontiers, dem Wissenschaftsverlag, den die Markrams gegründet haben. Er liegt auf einem Hügel, mit Blick über den Genfer See. Frontiers publiziert Zeitschriften und Studien. 500 Mitarbeiter, internationale Büros. Sie haben Unternehmerpreise gewonnen. Ihre erste Veröffentlichung war ihre Arbeit über Autismus. Im Leben mit Kai hat das alles verändert. Sie haben aufgehört, ihn in ihre Welt ziehen zu wollen. Sie schützen ihn vor einem Zuviel an Reizen, hatten seine Schule danach ausgewählt, sie planen mit ihm den Tag, halten Versprechen. „Das Zauberwort heißt Erwartungs-Management. Wenn Autisten eine Sache erwarten und du etwas anderes tust, führt das zu einem Trauma. Du musst mit ihren Erwartungen Schritt halten. Klingt leicht, ist aber schwer.“

Kai lebt heute in Israel, bei seiner Mutter Anat. So oft er kann, fliegt er nach Lausanne. Er kommt gern in den Verlag, gerade freitags, wenn es in der Küche kleine Feiern gibt und er Musik auflegt. In Vorfreude sitzt er in einer Nische, füllt am Handy Songlisten. Er hat ein schmales Gesicht, Bartflaum, trägt ein weites T-Shirt. Er lacht, schaut dem Gegenüber in die Augen, erzählt drauf los, vom Bowling, von der Musik, die er macht. Vor Aufregung verschluckt er Silben, zu oft hat er erlebt, wie Leute sich abwenden. Allzu oft werden Autisten stigmatisiert. Immer noch verstehen die Menschen es falsch, wenn diese den Blick abwenden. Oder wenn sie so direkt sagen, was sie denken und fühlen wie Kai oder eine Greta Thunberg. Immer noch werden sie dafür oft angegriffen: Sie sollen sich gefälligst ins System einfügen. Und allzu oft werden sie nicht ernst genommen. Es ist eines der bösesten Argumente ihrer Kritiker gegen Thunberg überhaupt: sie sei doch autistisch.

„Ich fühle Dinge anders“, sagt er. „Früher hatte ich oft Ausraster. Aber ich bin erwachsen geworden.“

Nach der Schule, wo er in einzelnen Fächern einen Abschluss machte, arbeitete Kai in einem Archiv, nun im Gericht, im Wachschutz. Er beruhigt durch seine Herzlichkeit, sein Anderssein die Atmosphäre, sagt Kamila. Kai wird nicht betreut, sondern gebraucht, ist Teil der Gesellschaft.

Um 17 Uhr füllt sich die Küche. Plaudern, Lachen, auf dem Tisch stehen Saft, Sekt, Chips. Kai spielt erst Pop, dann eigene Songs, die er eingespielt hat. Ein Mitarbeiter holt sein Saxofon hervor und fängt an, in Kais Stücke hineinzuspielen. Man kann Kai wachsen sehen.

Er fängt an zu singen, über die Liebe, darüber, dass er mit Papa bowlen geht. Wenn ein Lied verklingt, applaudieren die Leute, unaufgeregt, Henry hebt den Daumen, Kamila lächelt mit den Augen, und Kai wächst noch mehr und geht hin zu seinem Vater, der ihn gleich neckt, weil er Schmusesongs singt, seit er eine Freundin hat, und Kai steht vor ihm, lacht und spielt mit Henrys Hemdknöpfen.

Kai kennt das Mädchen von der Schule, zusammengekommen sind sie erst später. „Sie ist ein bisschen dick“, sagt er. „Aber ich liebe sie, wie sie ist. Du darfst niemanden ändern wollen.“