Wer plötzlich einen Pflegefall in der Familie hat, kann zunächst die "kurzzeitige Arbeitszeitverhinderung" in Anspruch nehmen. "Diese zehn Tage dienen zum Organisieren der Pflege und stehen jedem Beschäftigten zu", erklärt Silke Niewohner, Leiterin der Landesstelle Pflegende Angehörige in Münster. Darüber hinaus haben Angehörige Anspruch auf bis zu sechs Monate unbezahlten Urlaub, wenn sie sich selbst um die Pflege ihrer Familienmitglieder kümmern. "Diese Pflegezeit ist allerdings nur bei Beschäftigten in Betrieben mit mehr als 15 Mitarbeitern möglich", erklärt Niewohner.
Voraussetzung für beide Formen der Pflegezeit ist, dass ein naher Angehöriger zum Pflegefall geworden ist. Dazu zählen neben den Eltern und Ehepartnern auch Großeltern, Schwiegereltern und eigene Kinder. Auch Lebenspartner, Geschwister, Adoptiv- und Pflegekinder sind nach dem Pflegezeitgesetz nahe Angehörige. Wer Pflegezeit in Anspruch nehmen möchte, braucht vom Arzt eine Bescheinigung.

Kein Gehalt in der Pflegezeit
Während der Pflegezeit bekommt der Mitarbeiter kein Gehalt. Allerdings ist er zumindest teilweise weiterhin sozialversichert. "Für die sozialversicherungsrechtliche Absicherung während der Pflegezeit gibt es eine sehr gute Lösung", sagt Adolf Bauer, Präsident des Sozialverbandes Deutschland (SoVD). So ist der Arbeitnehmer während der Pflegezeit in der Arbeitslosenversicherung und der Rentenversicherung weiterversichert. Die Beiträge werden von der Pflegekasse oder den anderen Leistungsträgern übernommen.
Das gilt nicht für die Kranken- und Pflegeversicherung. Hier sollte sich der pflegende Angehörige nach Angaben des SoVD freiwillig oder privat versichern, wenn er nicht über ein anderes Familienmitglied mitversichert ist. Allerdings gibt es Hilfe von der Pflegekasse: "Die Zuschüsse belaufen sich auf die Höhe der Mindestbeiträge, die von freiwillig Versicherten gezahlt werden", erklärt Bauer.
Experten empfehlen, sich vor dem Thema im Gespräch mit dem Arbeitgeber nicht zu drücken: "Man sollte so früh wie möglich die Frage besprechen, ob es eventuell zu einer Situation kommt, in der Angehörige zu pflegen sind", rät Stefan Becker, Geschäftsführer der gemeinnützigen Beruf und Familie GmbH in Frankfurt am Main. Ein solches Vorgehen vermeide Überraschungen beim Chef, wenn es plötzlich zu einer akuten Verschlimmerung kommt und der Mitarbeiter schnell die Pflegezeit in Anspruch nehmen möchte. Einige Unternehmen haben sich mit dem Thema schon beschäftigt und bieten sogar Unterlagen dazu an, welche Möglichkeiten es in der jeweiligen Stadt etwa zur Kurzzeitpflege oder zur Beratung von Angehörigen gibt.

Verschiedene Lösungen besprechen
Becker rät, mit dem Arbeitgeber über flexible Möglichkeiten zu verhandeln. "Das neue Gesetz ist wichtig, weil es die Verhandlungsposition des Arbeitnehmers gegenüber dem Arbeitgeber stärkt. Aber es ist nur eines von mehreren Instrumenten." In manchen Fällen könne es sinnvoll sein, für den Arbeitnehmer einen Telearbeitsplatz einzurichten. Auch Teilzeitarbeit sei eine Alternative.

Informationen: Die Landesstelle für pflegende Angehörige hat ein kostenloses Info-Telefon eingerichtet, an dem auch Fragen zur Pflegezeit beantwortet werden (0800/220 44 00). www.beruf-und-familie.de

zum thema Alternative Teilzeit
Eine Teilzeitstelle kann die Lösung sein, wenn jemand einen Angehörigen pflegen muss, aber nicht komplett aus dem Beruf aussteigen möchte.
Nach dem Teilzeit- und Befristungsgesetz hat ein Arbeitnehmer nach mindestens sechsmonatiger Beschäftigung in Betrieben mit mehr als 15 Mitarbeitern einen Anspruch auf Verringerung der Arbeitszeit, wenn dem nicht wesentliche betriebliche Gründe entgegenstehen. Die Teilzeitarbeit muss aber mindestens drei Monate vorher beantragt werden.