Schüchtern betritt Sarah P. durch ein Spalier von Kameraleuten den Gerichtssaal. Nur wenige Minuten später verlässt die 21-Jährige freudestrahlend mit ihrem Anwalt den Raum. Über drei Jahre hatte die junge Frau, deren Mutter sich mit Spendersamen befruchten ließ, darum gekämpft, die Identität ihres biologischen Vaters zu erfahren. Das Oberlandesgericht in Hamm gab ihr am Mittwoch recht.

Zur freien Entfaltung der Persönlichkeit eines Menschen gehöre immer auch das Wissen über seine Wurzeln, so die Richter in der Urteilsbegründung. Damit bezog sich das Gericht auf das Grundgesetz und auf eine lange bekannte Rechtsauffassung. Samenspenden kann es damit auch in der Zukunft geben, aber nicht mehr anonym (Az: I-14 U 7/12).

Bereits 1989 hatte das Bundesverfassungsgericht in diese Richtung geurteilt. Der Essener Fortpflanzungsmediziner Thomas Katzorke beruft sich allerdings weiter darauf, dass die Daten zum Vater von Sarah P. nicht mehr vorlägen. Seine Samenbank gilt als eine der größten in Deutschland. Mit den dort eingelagerten Spermienproben wurden bisher 10 000 Kinder gezeugt.

Seit der Gründung des Vorläufers der heutigen Samenbank im Jahr 1976 haben rund 700 verschiedene Spender ihr Sperma zur Verfügung gestellt, sagt Katzorke. Damit komme jeder Spender auf bis zu 15 Kindern. Nach Angaben des Arbeitskreises Donogene Insemination (Spendersamenbehandlung) entstehen in Deutschland durch Spendersamenbehandlungen etwa 1000 Kinder pro Jahr. Welche Folgen das Urteil für die Samenbanken in Deutschland hat, ist aktuell nur schwer abzusehen.

Die Zentren, die sich schon vor dem heutigen Urteil längst von der anonymen Samenspende verabschiedet haben, fürchten keine Einbrüche. Der Leiter der Erlanger Samenbank, Andreas Hammel, schlägt bundesweit ein in Bayern bereits eingesetztes, notariell abgesichertes Dokumentationssystem vor, das das Wissen um die Abstammung jedes Spenderkindes auf 100 Jahre sichert.

Die in Erlangen bereits lange praktizierte Transparenz zwischen allen Beteiligten sieht auch die Aufklärung über den möglichen späteren Kinderwunsch vor, den Vater kennenzulernen. Sarah P. war bei ihrem Kampf mit Justiz und Ärzten nicht auf Geld aus. Der Verein Spenderkinder bekräftigte, es gehe um Aufklärung und nicht um Unterhaltsklagen oder das generelle Verbot von Samenspenden. Die Kinder wollten wissen, wer für die Hälfte ihrer biologischen Wurzeln verantwortlich ist. So würden sie sich irgendwann vielleicht die Frage stellen, warum sie eine andere Augenfarbe hätten als die vermeintlichen Eltern.

Neben dem Aus für die Anonymität könnte ein weiterer Aspekt Spender abschrecken. Ein Sprecher des OVG wies auf mögliche rechtliche Folgen des Urteils hin. Bei einem Rechtsanspruch auf das Wissen einer Vaterschaft sei auch ein möglicher Unterhalt einklagbar. Und auch für das Erbrecht könnte das Urteil Folgen haben. "Wenn ein Klägerkind bei verheirateten Eltern die Vaterschaft anficht und bei dem biologischen Vater einklagt, besteht Anspruch auf Erbe oder Unterhalt", erklärte Christian Nubbemeyer, Sprecher des OVG Hamm. Er wies allerdings darauf hin, dass es sich hierbei um keinen Automatismus handelt.