Tags zuvor noch bei der Feier „100 Jahre Film in Babelsberg“, erwarten nun in Groß Jehser zahlreiche Besucher aus der Region die erfolgreiche Schauspielerin. Hausherrin Irma Grefte bittet die gespannt Wartenden um eine halbe Stunde Aufschub: „Katrin Saß steckt auf der Autobahn im Stau!“ Einen Kilometer vor Duben war ein Kleintransporter ins Stauende an der Baustelle gefahren. Es gab zwei Verletzte, so die Polizei.

Und dann geht die Tür zum großen Salon wie ein Vorhang auf: Katrin Saß ist da. Sie braucht keine Verschnaufpause, nimmt am Kamin Platz und schon erzählt sie, wie sie als Kind den Schauspieleralltag ihrer Mutter Marga Heiden an der Schweriner Bühne erlebte: „Kulissen, Schminke – das war meine Welt!“ Obwohl für sie klar war, dass sie auch auf die Bühne will, ging sie doch zur Post, wurde Telefonistin und saß in der Vermittlung des Fernamtes 28. Dort lernte sie die „sozialistische Arbeitsmoral“ kennen. Schauspielschule und ihren ersten Film „Bis dass der Tod euch scheidet“, streift Katrin Saß nur kurz. Doch wie sie später beim Intendanten saß, als sie erfuhr, dass sie mit „Bürgschaft für ein Jahr“ zur Berlinale fahren soll, das liest sie mit Humor vor. In Berlin erhielt sie 1982 den Silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin. Als sie dann in die DDR zurückkehrte, habe sich für sie der Begriff „Dunkeldeutschland“ für ihre Heimat erschlossen. In West-Berlin wurde es einfach nachts nie ruhig und dunkel. Nach dem Erfolg im Westen gab es in der DDR zwei Jahre lang keine Filmangebote für sie. Die Zusammenhänge seien ihr erst beim Lesen ihrer Stasi-Akte nach der Wende klar geworden, erzählt sie. In der Fernsehserie „Weißensee“, für die die nächsten Folgen gedreht werden, trifft sie aktuell auf diese Thematik.

In ihrem Buch schreibt Katrin Saß über ihre Alkoholkrankheit. „Der 22. Juli vor 13 Jahren ist mein zweiter Geburtstag“, erklärt sie. Woher sie die Kraft genommen hat, ihrem Leben eine andere Wendung zu geben, kann sie nicht sagen. „Wer nie am Abgrund stand, dem wachsen keine Flügel“, zitiert sie aus „Alexis Sorbas“. Auch in Groß Jehser bekommt sie von den Zuhörern viel Zuspruch, dass sie durch ihren offenen Umgang anderen hilft, aus solch einer Lebenssituation die Kraft zur Veränderung zu finden.

„Ich bin heute beim Stau auf der Autobahn ganz ruhig geblieben“, sagt Katrin Saß. In der Lesung und im Gespräch mit den Zuhörern sind auch die unruhigen und schwierigen Zeiten ihres Lebens zur Sprache gekommen. Die Lesung mit Katrin Saß war die vierte Veranstaltung des Vereins für Land- und Dorfkultur Schloss Groß Jehser. Für den 28. Dezember kündigt Siegfried Kühn eine Neujahrsveranstaltung mit einem musikalischen Programm und einem Stummfilm mit Klavierbegleitung an. Anfang des nächsten Jahres soll der Film „Heidi M.“, das Comeback von Katrin Saß auf der Leinwand, gezeigt werden.