| 02:45 Uhr

Auf dem Weg zur barrierefreien Reiseregion für alle

Blinde können am Senftenberger See das Lausitzer Seenland ertasten.
Blinde können am Senftenberger See das Lausitzer Seenland ertasten. FOTO: Tourismusverbande Seenland
Das Lausitzer Seenland wird als Reisegebiet für alle entwickelt. Auf den asphaltierten, flachen Radwegen rollen E-Bike-Piloten und auch Nutzer von Handbikes und Rollfiets flott um die neuen Seen. Blinde und Sehbehinderte können gemeinsam mit ihrem Piloten auf dem Tandem in die Pedale treten. Aufs Wasser geht's am Senftenberger See sicher und bequem mit dem Lift ins Boot. Doch es gibt auch noch viel zu tun, um das Urlaubsreich für Menschen mit Behinderungen richtig flottzumachen. Kathleen Weser

Die schroffen Kraterlandschaften, die am Wasser noch gut erkennbar sind und von der Natur rasant schnell erobert werden, können Urlauber auf geführten Touren im Lausitzer Seenland entdecken. Die Wanderung oder Fahrt mit dem Geländewagen durch einen ehemaligen oder aktiven Tagebau mit anschließendem Picknick kann selbstverständlich auch gern von Menschen mit Behinderungen gebucht werden. Das versichert Marcus Herberle, der Vize-Geschäftsführer des Tourismusverbandes Lausitzer Seenland. "Viele Attraktionen der Lausitzer Industriekultur, Museen, Sehenswürdigkeiten und Gastgeber haben sich auf die Bedürfnisse von Gästen mit Handicap eingestellt", bestätigt er. "Aber wir sind noch eine sehr junge Reiseregion und stehen erst am Anfang", räumt Herberle auch ein.

Barrierefreie Wassersport-Erlebnisse sind am Senftenberger See gut möglich. Auf der 1300 Hektar Wasserfläche können Behinderte im Kajak, Kanadier, Ruder-, Tret-, Motor- und Segelboot auf Tour gehen. Ein spezieller Lift im Wassersportzentrum Großkoschen unterstützt die Gäste beim Einstieg in die Boote. Unternehmerin Manuela Zahn und ihre Mannschaft sind geschult und kennen die speziellen Bedürfnisse von Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen, von Blinden und Gehörlosen. Ein Erlebnis ist das Kuttersegeln, ein aufregender Segeltörn in der Gruppe. Die zweistündigen Touren werden von erfahrenen Skippern begleitet, so dass Segelkenntnisse nicht notwendig sind. Die Teilnehmer werden aber eingeladen, mit anzupacken, die Segel zu setzen, in See zu stechen und die Kraft des Windes zu spüren. Das Angebot richtet sich an Gäste mit und ohne Mobilitätseinschränkung, die sportlich sind und das Abenteuer suchen. Doch eine Hürde ist noch nicht genommen. Im Wassersportzentrum Großkoschen ist zwar der Einstieg in die Wassergefährte gewährleistet. Am Senftenberger Stadthafen, wo die Flaniermeile lockt, aber ist dies für den Ausstieg noch nicht der Fall. "Wir drängen darauf, dass die notwendige Krantechnik installiert wird", erklärt Herberle.

Mitte Juni wird am Stadthafen auch das neue Solar-Fahrgastschiff der Reederei M. Löwa auf Fahrt durch den Koschener Kanal zum Geierswalder See gehen. Der barrierefrei gebaute Stadthafen weist die erlaubten maximal sechs Prozent Gefälle von der Zufahrt über die Parkplätze, den Vorplatz, die Promenade bis zur Hafenmole und weiter auf die Stege auf. Auch die schwimmenden Bauteile halten diese behindertengerechte Steigung trotz Wasserschwankungen akkurat ein. Die Gangways sind deshalb sehr lang. Nur die Seebrücke, die sich als Wahrzeichen des neuen Hafens fünf Meter über den Wasserspiegel erhebt, ist nicht behindertengerecht. "Statt der schon beachtlichen 80 Meter hätte sie, um dem Anspruch zu genügen, länger als 200 Meter werden müssen", liefert Hafenbau-Projektleiter Torsten Nitsch die Erklärung. Die steilere Neigung der Stadthafen-Seebrücke, die auch als Fahrgastschiffsanleger dient, ist für Rolli-Fahrer nur mit größerer Anstrengung zu bewältigen. "Wir setzen hier deshalb auch auf die Hilfsbereitschaft der Menschen, die Betroffene bei Bedarf einfach beherzt anschieben", sagt Marcus Herberle. Derzeit errichtet die Stadt Großräschen den zweiten großen Binnen-Hafen im Seenland - in einer einmaligen Bucht mit etwa 15 Meter hohen Böschungen. Auch dieser Hafen wird barrierefrei gebaut.

Die Uferböschungen sind auch am Schiffsanleger des Geierswalder Sees, der in Kürze mit dem Fahrgastschiff täglich angefahren wird, für Rollstuhlfahrer ein Problem. Der Ponton ist zwar über eine schiefe Ebene erreichbar, die Steigung aber zu groß. "Wir suchen mit der Gemeinde Elsterheide und dem Zweckverband Lausitzer Seenland Sachsen nach einer barrierefreien Lösung", versichert Herberle.

Mehr Übernachtungsangebote für Behinderte und weniger mobile Urlauber sind gefragt. Das 5-Sterne-Ferienhaus Eden in Großkoschen ist eines der noch zu wenigen Domizile. Die 120 Quadratmeter großen Ferienwohnungen hier sind durchweg rollstuhlgerecht ausgestattet und bieten Platz für sechs Gäste. Beide Ferienwohnungen können auch verbunden werden. Und die Dachterrasse mit Blick auf den nahen Senftenberger See ist für Gäste im Rollstuhl per Lift bequem zu erreichen. "Von Angeboten wie diesem braucht unsere Ferienregion noch viel mehr", sagt Marcus Herberle. Drei Zielgruppen steuern auf das barrierefreie Lausitzer Seenland zu: Familien mit behinderten Kindern, die vor allem auch gern pädagogisch wertvolle Freizeitangebote wie den Alpaka- oder einen Reiterhof nutzen. Für Paare, die meist nicht allein reisen, besteht Bedarf an geeigneten Unterkünften. Vereine und Behindertenverbände klopfen vielfach noch vergebens an, weil die meisten Herbergen mit ein oder zwei barrierefreien Zimmern zu wenig geeignete Unterkünfte bieten.

Der Rostige Nagel, der Aussichtsturm am Ufer des Sedlitzer Sees, hat im Jahr 2009 den "Betonkopf" des Behindertenverbandes verliehen bekommen, weil er keinen Aufzug hat. Auch die "Steinitzer Treppe", die entsprechend ausgerüstet ist, scheitert technisch an den schweren Rollstühlen. Ein barrierefreies Lausitzer Seenland bleibt zwar das Ziel, das der Tourismusverband verfolgt. "Das bedeutet aber nicht, dass es Anspruch ist und gelingen muss, an jeder Stelle allen Bedürfnissen gerecht zu werden", sagt Geschäftsführerin Kathrin Winkler. "Aber wir bleiben auf dem richtigen, einem barrierefreien Weg zur Reiseregion für alle", versichert sie.