Auf dem Internationalen Kongress der rund 2600 Mitglieder zählenden Europäischen Märchengesellschaft (EMG), der an diesem Mittwoch in Bad Brückenau (Bayern) begonnen hat und bis morgen dauert, setzen Forscher sich mit dem "glücklichen Ende" auseinander. Nach Angaben des EMG-Geschäftsführers Thomas Bücksteeg werden mehr als 300 Märchenfreunde zu dem viertägigen Kongress erwartet. So stehen die Ehen der berühmten Märchenprinzessinnen Dornröschen und Schneewittchen mit ihren jeweiligen Traumprinzen nach Ansicht des Marburger Märchenforschers Wilhelm Solms von Anfang an unter keinem guten Stern. "Wenn der Prinz die Heldin erblickt, hat sie die Augen, die Fenster zur Seele, geschlossen", sagt er. Die eine schläft beim Kennenlernen, die andere liegt so gut wie tot im gläsernen Sarg. Die Paare wissen bei der Hochzeit also nicht, wem sie da ewige Treue schwören. Eine glückliche Ehe sei unter derartigen Voraussetzungen mehr als unwahrscheinlich, sagt Solms.

"Dornröschen würde sich wahrscheinlich irgendwann scheiden lassen", prophezeit der Märchenexperte, der auf dem Kongress einen Vortrag mit dem Titel "Die Hochzeit: Gewinn eines dauerhaften Glücks?" hält. Er fordert: "Wir sollten Märchen nicht so unkritisch lesen und uns nicht vom Erzähler in die Irre führen lassen." Auch Aschenputtel hat es nach der Hochzeit mit ihrem Angebeteten höchstwahrscheinlich nicht leicht. "Dass ihr Traumprinz auch ein guter Ehemann ist, ist unwahrscheinlich", meint Solms. Schon auf dem Ball benimmt er sich nach Ansicht des Germanisten wie ein "Vorstadt-Casanova", der Aschenputtel verbietet, mit anderen Männern zu tanzen.

Dass die Aschenputtel-Geschichte trotzdem als das beliebteste Märchen überhaupt gilt und sowohl Hollywood als auch Regenbogenpresse die "Cinderella-Story" immer wieder in allen möglichen und unmöglichen Varianten abfeiern, führt Solms auf eines zurück: "Es ist eben der Traum vieler Mädchen, sich von einem Prinzen retten zu lassen, damit sie sich nicht selbst durchbeißen müssen." Egal, ob Mann oder Frau, es sei immer ein Trugschluss, das Glück in einem Partner zu suchen und die Beziehung mit derartigen Glückserwartungen zu belasten. "Man kann auf Glücksgefühlen keine Ehe aufbauen", sagt Solms, der selbst nicht mit Märchen aufgewachsen ist und erst in seiner Zeit als Professor für Mediendidaktik in Marburg mit den Geschichten der Gebrüder Grimm in Berührung kam.

"Natürlich betrachten viele Forscher die Romantisierung von Märchen kritisch", sagt Christine Shojaei Kavan, Redaktionsmitglied der Enzyklopädie des Märchens, einem Nachschlagewerk, das die Ergebnisse von fast zwei Jahrhunderten internationaler Märchenforschung umfasst. Experten versuchten schließlich immer, ihren Forschungsgegenstand zu zerpflücken. Einer Märchenfigur bescheinigt Solms allerdings gute Chancen für ein Happy End: Rapunzel und ihr Prinz könnten es schaffen, sagt der Märchenexperte. Der Königssohn verliebt sich in die schöne Frau und ist untröstlich, als sie plötzlich aus ihrem Turm verschwunden ist. "Er liebt sie und unterscheidet sich damit von den meisten Königssöhnen, die sich nur eine schöne Prinzessin zulegen wollen", sagt Solms. "Dass die beiden "noch lange glücklich und vergnügt" lebten, glauben wir." Doch sie sind eine Ausnahme, betont der Forscher. "Es ist erstaunlich, wie schwach das Ergebnis ist und wie gering die Chancen der Märchenpaare auf ein erfülltes Eheleben.

" Denn sie leben wahrscheinlich nicht glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann streiten sie noch heute.