" Wir wollen die Wahrheit hinter der ,Sewol‘-Katastrophe!" Auch ein halbes Jahr nach einem der verheerendsten Schiffsunfälle in der Geschichte Südkoreas fordern die Familien der Opfer Antworten auf die Frage, wie es zu dem Unglück eigentlich kommen konnte. Mit ihrem knallharten Antrag auf Todesstrafe für den 69 Jahre alten Kapitän Lee Jung Seok des Unglücksschiffs will die Justiz des ostasiatischen Landes nun die aufgeheizte Stimmung beruhigen. Schon wenige Tage nach der Havarie hatte Staatspräsidentin Park Geun Hye betont, dass Verhalten des Kapitäns komme ihrer Meinung nach einem Mord gleich.

Doch getan hat sich bisher nicht viel. Noch immer campieren Angehörige und Unterstützer auf dem Kwanghwamun-Platz in der Innenstadt von Seoul, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Die Katastrophe hat ihr Vertrauen in die Regierung tief erschüttert.

Zum einen werfen sie den Behörden vor, nicht genug für die Rettung der Insassen auf der "Sewol" getan zu haben. Zum anderen verlangen sie restlose Aufklärung darüber, wie eine Fähre mit so gravierenden Sicherheitsmängeln überhaupt in See stechen konnte.

Mehr als 300 der ursprünglich 476 Menschen an Bord waren bei dem Unglück am 16. April vor der Südwestküste des Landes ums Leben gekommen. Die meisten waren Schüler, unterwegs zur Ferieninsel Cheju. Als die Auto- und Personenfähre "Sewol" am Vorabend des Unglücks von Inchon abfuhr, war sie deutlich überladen, wie Ermittler herausfanden. Auch sei klar geworden, dass durch frühere Umbauten das Schiff nicht mehr stabil gewesen sei.

Dann änderte die "Sewol" ihrem Kurs und kippte plötzlich zur Seite - vermutlich war die Ladung schlecht gesichert und verrutscht. Das Schiff lief schnell mit Wasser voll. Viele der Insassen wurden eingeschlossen.

Es setzte eine dramatische Rettungsaktion ein. An den Fernsehern erlebten die Südkoreaner mit, wie die Küstenwache mit Hubschraubern und Booten versuchte, Insassen zu retten, noch bevor das Schiff binnen weniger Stunden komplett sank. Doch schon die ersten Untersuchungen deuteten später darauf hin, dass kostbare Zeit nach der Havarie verging.

Überlebende berichteten später beim Prozess gegen den angeklagten Kapitän Lee und die übrige Mannschaft, das viel mehr Passagiere hätten gerettet werden können. Die Besatzung habe sie angewiesen, in den Kabinen zu bleiben, und sei dann selber vom Schiff geflohen.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Kapitän und drei Crewmitgliedern vorsätzliche Tötung vor. Lee sagte zwar, dass er eine harte Bestrafung verdiene. Den Vorwurf des Totschlags oder gar Mordes wies er jedoch zurück. Die anderen drei sollen nach dem Willen der Anklage eine lebenslang Haft verbüßen. Doch die Wut der Menschen richtet sich nicht nur gegen die Besatzung. So wird der Küstenwache vorgeworfen, nicht schnell genug auf die Notrufe reagiert, Auch nach dem Prozess gegen die Besatzung und nach den anderen Verfahren gegen Reederei-Manager werden viele offene Fragen bleiben, befürchten die Menschen. Die Parteien des Landes einigten sich auf ein Sondergesetz, das eine unabhängige Untersuchung des Unglücks vorsieht. Am Montag forderten die Unterstützer der Familien, das Gesetz so rasch wie möglich zu verabschieden.