Februar erreicht er Cottbus. Der Heimatforscher Heinz Petzold hat die Ereignisse des Tages detailliert zusammengetragen.

Es ist ein Donnerstag, die Sonne hat den Bodennebel vertrieben, der Schnee ist geschmolzen, Frühling liegt in der Luft. Es gibt bezugsscheinfreie Schuhe bei Rheinsberg und Tack in der Sprem. Einzelhändler Behle in der Lieberoser Straße wiegt die Pfundtüten Zucker ab. Die Zuteilung war frisch in den Laden gekommen. In den verbliebenen Tuchfabriken surren die Web stühle. Bei Graßhof nähen mehr als 200 Frauen graue Uniformen. Übermüdete Eisenbahner kehren von der Schicht heim. Im Krankenhaus operieren Ärzte und Schwestern.

Gegen 11.05 Uhr ertönen die Sirenen zum Voralarm, um 11.35 Uhr folgt der Fliegeralarm. Ferne Motorengeräusche nähern sich und werden ständig lauter. Um 11.45 Uhr erreicht die Spitze von etwa zehn amerikanischen Bombern Cottbus. Mehrere mit weißrauchendem Schweif zur Erde sinkenden Zielmarkierungsbomben sind die ersten Anzeichen des bevorstehenden Angriffs. Die meisten Flugzeuge sind vom Boden aus gut zu sehen.

Um 11.51 Uhr schlagen erste Bomben in die Wohnhauszeilen südlich des Bahnhofs ein. Die Häuser um den ehemaligen Lutherplatz erhalten Volltreffer. Von der Lutherkirche bleibt nur eine Ruine. Auch das Krankenhaus wird getroffen. Darauf folgen noch vier Angriffsgeschwader.

Um 11.55 Uhr – so blieben die Uhren stehen – wurde das Operationshaus des Krankenhauses getroffen und in minutenschnelle zerstört. Brandbomben regnen auf das gesamte Viertel nieder. Die Menschen retten sich in die Keller. Ein Augenzeuge berichtet. Er sitzt im Keller der Straße der Jugend 38: „Draußen knallte es. Der Luftdruck schleuderte Sand durch den Luftschacht des Kellers. Die Explosionen und das Heulen der Flugzeuge hörte nicht auf.“ Eine Feuersbrunst wütet. Die Einschläge beiderseits der Eisenbahnlinie in Richtung Sandow gleichen einer Feuerwalze. Die Industrie am Ostrower Damm und an der Stromstraße sind schwer getroffen. Das Frauenzuchthaus in der Bautzener Straße wird mehrmals getroffen.

Um 12.08 Uhr erschüttert eine ungeheure Detonation weite Teile der Stadt. Ein Munitionszug explodiert auf dem nördlichen Bahngelände. Unter den Tausenden Menschen auf dem Bahnhof entsteht eine Panik. Die Verwundeten in den Lazarettzügen und die Menschen in den Flüchtlingszügen sind dem Inferno ausgeliefert. Nach 12.10 Uhr erreicht das letzte Geschwader mit rund 150 Bombern die Stadt.

Zwischen 11.51 und 12.20 Uhr gehen rund 4000 Sprengbomben auf Cottbus nieder. Sie treffen den Bahnhof und seine Anlagen, die östlichen und südlichen Stadtteile und die Branitzer Siedlung.

Die Spremberger Vorstadt wird am härtesten getroffen. In 29 Minuten werden 356 Häuser zerstört und 3600 Wohnungen beschädigt. Mehr als 13 000 Menschen werden obdachlos. Die Zahl der Toten liegt weit über 1000.

Quelle: „Bomben auf Cottbus“ von Heinz Petzold

im Heimatkalender 1995.