Es ist der Alptraum aller Eltern: Die junge Mutter liegt noch im Krankenhaus, voller Freude über ihr gerade geborenes erstes Kind. Doch dann verschwindet das Mädchen spurlos. 17 Jahre lang wird die Tochter schmerzlich vermisst - so sehr, dass die Familie, die mittlerweile drei weitere Kinder hat, jedes Jahr den Geburtstag des Mädchens mit einer großen Torte feiert.

Für Celeste und Morné Nurse aus Südafrika war dieser Alptraum nach bisherige Erkenntnissen der Ermittler bittere Realität. Am 30. April 1997 haben sie ihre erst drei Tage alte Tochter Zephany im Groote Schuur Hospital in Kapstadt zum letzten Mal gesehen. Doch im Februar 2015 geschah ein Wunder, mit dem kaum noch jemand rechnen konnte.

Ein schier unglaublicher Zufall hat die Familie wieder zusammengeführt: Die jüngere Tochter Cassidy freundete sich in der Schule mit einem Mädchen an, das ihr zum Verwechseln ähnlich sah. Als Vater Morné die beiden zufällig zusammen beim Essen in einem Schnellrestaurant beobachtete, schaltete er wegen der vielen Gemeinsamkeiten die Behörden ein.

„Ich wusste sofort, dass sie meine Tochter war, als ich sie das erste Mal sah“, sagte er in einem Interview dem südafrikanischen Fernsehsender eNCA. Ein DNA-Test ergab, dass es sich bei der Jugendlichen tatsächlich um die eigene Tochter handelt.

Eine damals 33-jährige Frau hatte Zephany aus dem Krankenhaus entführt und zusammen mit ihrem Mann wie ihr eigenes Kind aufgezogen. Unbestätigten Berichten zufolge soll sie kurz zuvor eine Totgeburt erlitten haben. Jetzt muss sie sich vor Gericht verantworten. Am Freitag soll nach Angaben ihres Anwalts Reaz Khan darüber entschieden werden, ob sie zunächst auf Kaution freikommt.

Das Verfahren werde wohl innerhalb der nächsten fünf Monate beginnen, sagte Khan der Deutschen Presse-Agentur. „Vermutlich wird es nicht länger als einen Monat dauern.“ In dieser Zeit würden sich Verteidigung und Staatsanwaltschaft möglicherweise auf ein Strafmaß einigen, das sie dem Richter vorlegen wollen. Eventuell könne seine Mandantin darauf hoffen, zu Hausarrest und gemeinnütziger Arbeit verurteilt zu werden.

Die Gegenseite hält dies für Wunschdenken. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft der Provinz Western Cape, Eric Ntabazalila, erklärte, der Angeklagten würden Entführung und Betrug vorgeworfen. „Darauf steht eine Gefängnisstrafe, aber die Länge hängt von den erschwerenden oder mildernden Umständen ab.“ Der Strafverteidiger Keith Gess schätzt, dass die Frau zu 10 bis 15 Jahren Haft verurteilt werden könnte. Ob der Ehemann der Täterin von der Entführung wusste, ist unklar - und auch die Polizei wollte sich dazu nicht äußern. Laut Ntabazalila wird ihm rechtlich nichts vorgeworfen.

Die Frage, die alle bewegt, ist jedoch: Wie geht es Zephany? Wie fühlt sich eine junge Frau, die kurz vor ihrem 18. Geburtstag erfährt, dass die Menschen, die ihr bisher am nächsten standen, gar nicht ihre Familie sind?

„Für sie ist es sehr schwer, denn sie muss uns ja auch erst einmal kennenlernen“, sagte die leibliche Mutter Celeste dem Sender eNCA. „Wir müssen uns erst noch näher kommen.“ Und das wird einige Zeit dauern.

Der zuständige Minister für Soziale Entwicklung, Albert Fritz, sprach von einem „langen und komplizierten Wiedervereinigungsprozess“. Die Jugendliche lebe derzeit in einem Haus der Sozialbehörden und werde von einem erfahrenen Fürsorgearbeiter betreut. Gleichzeitig stehe sie weiter in Kontakt mit dem Vater der Familie, bei der sie aufgewachsen ist. Auch seien kurze Besuche bei ihrer biologischen Familie geplant, um so eine Umgebung zu schaffen, in der Zephany sich wohlfühlt.

„Mir scheint, dass ich noch immer träume“, freute sich Celeste Nurse. Gleichzeitig fühle sich die Familie „wütend und verletzt“, sagte Vater Morné - betrogen um 17 kostbare Jahre. „Wir werden unsere Tochter nicht drängen, aber wir sind sicher, dass jetzt alles gut werden wird.“