Sie nennen es "Weihnachtsfluten". Hüfthoch steht das Wasser in einigen Städten und Dörfern Nordenglands. Es ist bereits die zweite Hochwasser-Welle in diesem Monat, die das Land heimsucht. Der Regen hört einfach nicht auf. Bereits am Mittwoch werden erneut "schwere Niederschläge" erwartet. Kritiker fragen: Trägt die Regierung Mitschuld am Desaster?

York: Die 200 000-Einwohner-Stadt York ist mit am schwersten betroffen. Hier fließen die Flüsse Foss und Ouse zusammen. Als die Fluten über Weihnachten kamen, fielen Wasserpumpen aus. Die Folge: Zahlreiche Straßen sind nur mit dem Boot befahrbar, das Wasser steht hüfthoch, Häuser müssen geräumt werden. Doch am Montag gibt es einen Hoffnungsschimmer. Die Fluten haben den Scheitelpunkt erreicht, gehen langsam zurück. Doch Entwarnung kann nicht gegeben werden.

Anderswo: Nicht nur die Städte sind betroffen. Die Bilder, die das Fernsehen aus Hubschraubern aufnimmt, lassen den Atem stocken. Weite Landstriche stehen unter Wasser, Straßen und Eisenbahnlinien sind überschwemmt. "Der Untergang Nordenglands", titelt die Zeitung "Independent". Für manche sind es die schwersten Fluten seit Anfang der 80er-Jahre. Das Wort, das besonders oft fällt, ist "Albtraum".

Schäden: Bislang haben die Behörden keine Toten gemeldet. Noch wird niemand vermisst - die ganz große Katastrophe ist bislang ausgeblieben. Doch der Sachschaden wird auf 1,5 Milliarden Pfund geschätzt, das sind knapp über zwei Milliarden Euro.

Prognose: Nach zwei trockenen Tagen soll am morgigen Mittwoch wieder der große Regen kommen. Meteorologen warnen vor "schweren Niederschlägen". Es wäre die dritte große Flutwelle in einem Monat.

Die erste Welle: Schon Anfang Dezember versank Nordengland in Wassermassen. Damals gab es sogar Tote. Ein Mann in Cumbria-County stürzte in den Fluss Kent und ertrank. In London drückte eine Windböe einen 90-Jährigen gegen einen fahrenden Bus. Allein in Cumbria standen über 5000 Häuser unter Wasser.

Schuld: Die Regierung in London spricht von "beispiellosen" Regenfällen. Das klingt ein bisschen, als könnte man nichts gegen das Desaster tun. Doch da widersprechen Medien und Oppositionspolitiker. "Es wird immer deutlicher, dass sogenannte beispiellose Wetterlagen von Dauer sind", meint eine Sprecherin der Labour-Partei. Kritiker bezweifeln, dass im Vorfeld alles getan wurde, um Überschwemmungen zu verhindern. Wurden genügend Dämme gebaut oder wurde am falschen Ende gespart? Der "Daily Telegraph" meint: "Nach dieser Sintflut müssen wir uns einer neuen Realität stellen." Nie zu warm, nie zu kalt, immer ein bisschen Regen: Wird das typische britische Wetter bald der Vergangenheit angehören?

Vor Ort: Der britische Premierminister David Cameron hat die Hochwassergebiete im Norden Englands besucht. Er sprach am Montag zunächst mit Militärs in York, einer der am schlimmsten betroffenen Städte. Anschließend besuchte er ein Kommandozentrum der Polizei. Zugleich ging er auf Kritiker ein, die monieren, die Regierung habe in der Vergangenheit nicht genug für den Kampf gegen Überschwemmungen getan. Die Regierung werde genau prüfen, ob man etwa zur Vorbeugung den Bau von Dämmen verstärken könne, sagte er einem Lokalsender.

Weitere Unwetter: In sieben Bundesländern in den USA sind in den vergangenen Tagen mindestens 43 Menschen durch Unwetter ums Leben gekommen. Sie starben infolge von schweren Stürmen oder Überschwemmungen, wie der Sender "ABC News" berichtete. In New Mexico im Südwesten des Landes wurde der Schneenotstand ausgerufen.