„Wenn man es für den Herrn tut, wird es
einfacher, und man
bekommt einen
Extra-Push.“
 Kindra Owens, Mitturnerin


"Gleich sind wir fertig, lobet den Herrn!", feuert Fitnesslehrerin Melanie Kelly ihre kleine Aerobic-Gemeinde an. Die Kirchengymnastik hat es in sich: Auf dem Weg zu Gott darf ruhig viel Schweiß fließen, glaubt Kelly, denn das sei gottgefällig.
Die Gruppe trainiert regelmäßig in der afroamerikanischen Kirche von Pastorin Dawn Harvey, die Sport und Spiritualität nicht für einen Gegensatz hält. Ganz im Gegenteil: "Bei der Gospel-Aerobic trainieren wir gemeinsam, um Gott unsere Leiber als Tempel anzubieten", sagt sie. Die biblische Begründung für die frommen Sportstunden habe sie im Paulus-Brief an die Korinther gefunden. Dort stehe schließlich, dass der Heilige Geist in den Körpern der Menschen sei. Und diese Behausung solle für den Heiligen Geist ruhig durch Training attraktiver gemacht werden, findet die Pfarrerin.
Deshalb treibt Trainerin Kelly ihre Frauengruppe regelmäßig zu Höchstleistungen - mit drastischen Sprüchen. "Reißt Euch vom Teufel los", ruft sie, während die Gemeinde wild mit den Händen umherwedelt. "Hebt sie höher, höher", befiehlt Kelly, während sich Bizepse und Trizepse in raschem Wechsel an- und entspannen. "Nichts wird wehtun, Jesus Christus wird uns die Schmerzen nehmen." Die verschwitzte Gemeinde ist außer Atem, sie presst ein frommes "Amen" heraus.
Ganz einfach sind die Übungen freilich auch mit göttlichem Beistand nicht. "Es ist eben immer noch Aerobic", sagt die Mitturnerin Kindra Owens. "Aber wenn man es für den Herrn tut, wird es einfacher, und man bekommt einen Extra-Push."
Auch die Postangestellte Mary Grice bekennt, dass ihr das Training durchaus zusetzt. "Man fühlt den Schmerz, aber wir machen einfach weiter." Pastorin Harvey nimmt selbst am Gospel-Training teil und ist seitdem immerhin um eine Konfektionsgröße schmaler geworden, berichtet sie.
Für Trainerin Kelly, die tagsüber als Systemanalytikerin arbeitet, hatte die spirituelle Reise zum eigenen Körper mit einem Erweckungserlebnis begonnen. "Eines Tages war ich im Keller und habe Tanz- und Gymnastikübungen gemacht, als mir Gott eine Vision gab", berichtet sie. Die Vision lautete: Gospel-Aerobic. Im April bot sie dann die ersten Kurse im Versammlungsraum der Kirche von Pfarrerin Harvey an.
Gekommen sind viele, denen es in regulären Fitness-Studios nicht gefallen hat. Eine sagt, sie habe sich dort wie auf einem "Fleischmarkt" gefühlt, wo Männer die dünn bekleideten Frauzen anstarrten. "Wenn man ins Fitness-Studio geht, dann spielen sie da Britney Spears oder so was", sagt Gospel-Turnerin Patrina.
Da seien ihr die Kirchenlieder bei Melanie Kelly schon lieber. "Hier weiß man, dass die Leute für einen beten und dass sie auf deiner Seite stehen", sagt sie. Nur von oben müsse man sich beobachtet fühlen, wirft Pfarrerin Harvey fromm ein: "Er beobachtet uns. Er ist immer bei uns."