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| 17:03 Uhr

Ruhland
Mit Taschenmesser groß geworden

 Dieses Stück Eschenholz will Rudolf Schulze mit Messer und Schleifmaschine zum Leben erwecken.
Dieses Stück Eschenholz will Rudolf Schulze mit Messer und Schleifmaschine zum Leben erwecken. FOTO: Richter-Zippack
Ruhland. Ruhlander Orthopädie-Schuhmachermeister Rudolf Schulze schnitzt kleine und große Kunstwerke. Von Torsten Richter-Zippack

Ein Waldschrat, eine Seejungfrau, ein Angler und weitere Wesen bevölkern das Ufer des Ruhlander Schwarzwassers gegenüber dem Geschwister-Scholl-Weg. Jetzt in der laubarmen Jahreszeit präsentieren sich die hölzernen, teilweise lebensgroßen Figuren in voller Pracht. Seit rund 20 Jahren ziehen sie die Blicke der Spaziergänger und vor allem der Kinder auf sich, sagt der Vater von Waldschrat und Co., Rudolf Schulze. Denn der Orthopädie-Schuhmachermeister hat die urig wirkenden Kunstwerke zum Leben erweckt. „Damals lag mein Garten direkt am Schwarzwasser“, erinnert sich der heute 80-Jährige. „Die Figuren haben die Zeit bis heute überdauert.“

Einem Atelier ähnelt indes Schulzes Hof an der Ruhlander Wallstraße. Gestalten aus Märchen und Sagen, aber insbesondere aus der Fantasie des Künstlers, wachen in allen möglichen Positionen über das Anwesen. Da gibt es einen Angler, einen weiteren Waldschrat, eine Amsel, einen in einem Baumstamm eingeschlossenen Mann, eine zwergähnliche Figur im Apfelbaum und vieles mehr. „Alles selbst geschnitzt“ sagt Rudolf Schulze stolz.

 Diese Figuren am Ruhlander Schwarzwasser ziehen bereits seit rund 20 Jahren Besucher in ihren Bann. Zu finden sind die Kunstwerke von Rudolf Schulze gegenüber dem Geschwister-Scholl-Weg.
Diese Figuren am Ruhlander Schwarzwasser ziehen bereits seit rund 20 Jahren Besucher in ihren Bann. Zu finden sind die Kunstwerke von Rudolf Schulze gegenüber dem Geschwister-Scholl-Weg. FOTO: Richter-Zippack / RIchter-Zippack

Tatsächlich wollte der gebürtige Ruhlander von Kindesbeinen an beruflich mit Holz arbeiten. „Ich bin quasi mit dem Taschenmesser groß geworden. In jeder freien Minuten schnappte ich mir ein Stück Holz und schnitzte daraus Figuren und verschenkte diese“, erzählt er. Mit dem Holzberuf klappte es allerdings nicht. Denn Vater Herbert Schulze war Inhaber eines Orthopädie-Schuhmacherunternehmens. Und der bereits um das Jahr 1910 von Großvater Paul Schulze gegründete Betrieb brauchte einen Nachfolger. So legte Rudolf Schulze im Jahr 1959 nicht nur seine Prüfung als Schuhmachermeister ab, sondern übernahm auch das Familienunternehmen. Nur zwölf Monate später durfte er sich als Orthopädie-Schuhmachermeister bezeichnen.

Hergestellt wurden Schuhe, Einlagen sowie spezielle Hilfen (Zurichtungen) für Menschen mit unterschiedlich langen Beinen. An einem Paar Schuhe arbeitete Schulze mit seinen Helfern im Schnitt zehn bis zwölf Stunden. Egal, zu welcher Zeit: Schuhe haben die Menschen immer benötigt. Und es mussten längst nicht immer neue sein. „Nicht selten wollen die Leute ihre bewährten Schuhe weitertragen. Daher gab es viele Reparaturen“, erinnert sich Rudolf Schulze.

Doch die Liebe zum Schnitzen lässt den Ruhlander zeit seines Lebens nicht los. Immer neue Figuren entstehen aus Linden-, Eschen- und Birkenholz. Diese werden oft an Bekannte verschenkt. Andere werden ausgestellt, beispielsweise im Ruhlander Gutshof. Nicht zuletzt bildete Schulze über zehn Jahre seine „Schnitzer-Lehrlinge“ aus. „Zwei Mädchen und zwei Jungen sind, ähnlich wie ich, mit diesem Handwerk groß geworden“; resümiert der Meister.

Selbst an die hohe Schule der besonderen Schnitzerei wagt sich der heute 80-Jährige heran. Nämlich an mehrteilige Figuren zum Auseinandernehmen und Wiederzusammensetzen. Neben dem Taschen- oder dem Schustermesser leistet dabei Schulzes Schleifmaschine gute Dienste. Zu dieser Konstruktion hat der Ruhlander eine besondere Verbindung: „Sie ist nämlich genauso alt wie ich.“

Neben der Orthopädie-Schuhmacherei bezeichnet Rudolf Schulze die Schnitzerei als sein Lebenswerk. „Darin kann ich mich richtig verwirklichen.“ Heute trägt der 80-Jährige noch immer sein Messer bei sich. Aber aus gesundheitlichen Gründen falle ihm das Schnitzen zunehmend schwerer. Aufhören komme für den Ruhlander trotzdem nicht infrage.

Zudem hat der Handwerkermeister in der Historie seiner Zunft im Elsterstädtchen geforscht. Die Ergebnisse sind verblüffend: „Mitte des 20. Jahrhunderts gab es in Ruhland 28 Schuhmacher. Allein in unserer Wallstraße gab es vier Betriebe“, sagt Rudolf Schulze. Allerdings habe dieses Gewerbe längst nicht für alle ein auskömmliches Einkommen bereitgehalten. „Daher trieben manche Schuhmacher auch Landwirtschaft.“

Von der Schnitzkunst allein zu leben, sei ebenfalls wenig realistisch. „Es war, ist und wird immer mein Hobby bleiben“, stellt Rudolf Schulze klar.

Mit etwas wehmütigem Blick schaut der Handwerker jedoch auf seine Figuren im alten Garten am Ruhlander Schwarzwasser. „Würde man sie umsetzen, fielen sie möglicherweise auseinander. Wind und Wetter haben deutliche Spuren hinterlassen. Hoffentlich erfreuen Waldschrat, Seejungfrau und die anderen die auf der anderen Bachseite vorbeigehenden Passanten noch möglichst lange.“ Denn einen Figuren-Friedhof wolle wohl niemand sehen.

Besser sei es dagegen um das Wesen mit tigerähnlichem Gesicht im Senftenberger Tierpark bestellt. „Diese Figur, die aus einem umgestürzten Baum hervorgeht, befindet sich bereits seit geschätzt zehn Jahren im Eingangsbereich. Und darauf bin ich natürlich sehr stolz“, resümiert Rudolf Schulze.

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