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| 14:04 Uhr

Ortrand
Bad Ortrand ist eine Vision

 Die Ortrander können sich vorstellen, Kurort zu werden. Der Weg dahin ist allerdings lang und steinig.
Die Ortrander können sich vorstellen, Kurort zu werden. Der Weg dahin ist allerdings lang und steinig. FOTO: Christoph Opitz
Ortrand. Die Stadtspitze würde sich dem Kurort-Status nicht verschließen. Aber der Weg dorthin ist lang. Von Torsten Richter-Zippack

Liebenwerda hat den Titel, Freienwalde, Saarow, Wilsnack und Belzig dürfen sich in Brandenburg ebenfalls als Bad bezeichnen. Und die Ortrander wären dem Namenszusatz keineswegs abgeneigt. Das hat Bürgermeister Niko Gebel (CDU) während des Tages der Stadtgeschichte angekündigt. „Ich würde mich nicht gegen Bad Ortrand wehren. Wir haben die entsprechenden Voraussetzungen.“

Tatsächlich war Ortrand aufgrund seines Heilwassers einst Kultstätte. Das sagt Danny Duismann, Vorsitzender des Heimatvereins 1912 für Ortrand und Umgebung. Das kostbare, da besonders manganhaltige Nass sollte gegen Augenkrankheiten helfen. Die dazugehörige Quelle befindet sich in der Forstgartenstraße. Sie wurde vor genau 80 Jahren freigelegt und sprudelt in einem Brunnen bis heute. Darüber hinaus haben Archäologen während der Marktplatzsanierung anno 2001/2002 weitere historische Badestellen gefunden.

„Ortrand wäre beinahe eine Kur- und Badestadt geworden“, hat Duismann recherchiert. Dafür hatte sich der anno 1899 gegründete Naturheilverein vehement eingesetzt. „Dem Gremium schwebte gar vor, den Status Kur- und Badeort für Ortrand amtlich festzuschreiben“, erzählt Danny Duismann.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zerbrachen sich die Protagonisten bereits über die infrastrukturelle Erschließung den Kopf. So sollte der im Jahr 1886 neu angelegte Stadtausgang zur Elsterwerdaer Straße als Straßenzubringer dienen. Zudem befand sich eine Kneipanlage mit Kurpark in der Vorbereitung. Und die nahen Kmehlener Berge sollten zum „Lustwandeln“ dienen.

Allerdings, so lautet Duismanns These, schnappten die Liebenwerdaer den Pulsnitzstädtern das Bad weg. Das Liebenwerdaer Eisenmoorbad entstand im Jahr 1905, zwei Jahrzehnte später durfte sich die Elsterstadt Bad Liebenwerda nennen. Und zwei Bad-Standorte in einem Landkreis wäre des Guten zu viel gewesen. Ortrand gehörte bis zum Jahr 1952 zum Landkreis Liebenwerda, dessen Kreisstadt der Kurort war. „Immerhin erhielten die Ortrander als Ausgleich das noch heute bestehende Stadtbad“, sagt Danny Duismann. Die Einrichtung aus dem Jahr 1926 soll im kommenden Mai nach fünfjähriger Schließzeit wieder öffnen.

Das Ortrander Quellwasser schaffte es immerhin bis zur Limonadenherstellung. Darüber hinaus nutzten die Einwohner das Nass ab dem 16. Jahrhundert zum Bierbrauen. Selbst in der Residenzstadt Dresden wurde der Gerstensaft nachgefragt.

Würden die Ortrander im 21. Jahrhundert einen neuen Anlauf bezüglich des Kurortes oder Heilbades wagen, wäre der Weg nicht ganz unkompliziert. „Die entsprechenden Anforderungen an Infrastruktur und Qualität sind sehr hoch“, sagt Andreas Hensel vom Brandenburgischen Kurorte- und Bäderverband. Die Bedingungen sind in einem Standardwerk des Deutschen Heilbadverbandes und des Deutschen Tourismusverbandes festgehalten. Dieses bildet die Grundlage für die Kurort-Gesetzgebung der einzelnen Bundesländer. In Brandenburg befindet sich diese gerade in der Überarbeitung. Demnach müsste zunächst der heilende Charakter der Ortrander Quellen wissenschaftlich anerkannt werden. Das Klima spielt eine maßgebliche Rolle, ebenso das Vorhandensein eines Kurparks sowie das entsprechende Fachpersonal. „Jeder Brandenburger Gemeinde steht es völlig frei, den Kurort-Titel zu beantragen“, erklärt Gabriel Hesse vom Brandenburger Gesundheitsministerium. Notwendig sei ein Beschluss des Gemeinderates beziehungsweise der Stadtverordneten. Zudem habe der Landesfachbeirat ein gehöriges Wörtchen mitzureden. Er spreche letztendlich eine Empfehlung an das Ministerium aus.

Brandenburgs jüngster Kurort ist Bad Belzig am Hohen Fläming. Die Kreisstadt von Potsdam-Mittelmark darf sich seit dem Jahr 2010 als Bad bezeichnen. Den langen Weg von Belzig nach Bad Belzig hat Dr. Christian Kirchner, örtlicher Kurort-Koordinator, Geschäftsführer der Kurgesellschaft sowie Mitglied im Landesfachbeirat für Kur- und Erholungsorte in Brandenburg, mitverfolgt. „Ganz wichtig ist, dass der jeweilige Ort geschlossen hinter der Gesamtidee steht“, benennt der Experte eine Grundvoraussetzung. In Belzig bildete eine Geothermie-Bohrung den Anlass, die letztlich eine Thermalbohrung nach sich zog. So wurde ab dem Jahr 1998 das heutige Thermalbad auf den Weg gebracht. Inzwischen zählt das 11 000-Einwohner-Städtchen pro Jahr rund 250 000 Übernachtungen. Zum Vergleich: Im gesamten Lausitzer Seenland sind es aktuell 750 000 Übernachtungen.

„Eine Quelle allein reicht nicht“, warnt Christian Kirchner. „Das Anforderungsprofil an einen Kurort ist viel größer.“ Ortrand kenne der Experte zwar aus der Zeit des Zugehörigkeitskampfes zwischen Brandenburg und Sachsen. Doch die Idee eines Kurbetriebes sei Kirchner neu.

Ob die Ortrander indes ihre Bäder-Vision weiterverfolgen werden, ist derzeit völlig offen. Eines stellt Bürgermeister Niko Gebel allerdings schon mal klar: „Wir sind auch sehr froh über unsere Industrie“, sagt das Stadtoberhaupt. Die örtliche Wirtschaft würde er jedenfalls nicht gegen das Prädikat „Bad“ eintauschen.

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