Nie mehr bücken müssen - zumindest nicht zum Schuhe zubinden. Einfach in den Sneaker steigen, per App die Schnürsenkel schließen und bestimmen, wie fest die Schnürsenkel angezogen werden sollen. Das ist der Traum von Forschern aus Villingen-Schwenningen und Pirmasens. Seit zwei Jahren tüfteln sie an einem selbstschließenden Schuh für hilfsbedürftige Menschen oder den Lifestyle-Bereich. Damit liegen sie im Trend. Denn immer mehr Kleidung besteht nicht nur aus Stoff, sondern auch aus Technik.

An der Schuhlasche haben die Wissenschaftler einen Motor angebracht, der auf Knopfdruck die Schnürsenkel aufrollt und ins Innere des Schuhs zieht. Erst auf dem Röntgenbild fällt auf, was die Entwicklung so besonders macht: "Der Energy Harvester", sagt Forscher Klevis Ylli. Eine halbe Stunde muss ein Mensch schnell gehen, bis er genug Energie erzeugt hat, damit sich der Schuh beim nächsten Mal wieder schließen kann.

Der sportliche Sneaker

Das 50 Gramm schwere Gerät, das sich in der Sohle unter der Ferse befindet, soll den Strom für die selbstschließenden Schuhe produzieren. "Das Ganze funktioniert mit dem physikalischen Prinzip der Induktion", sagt der Wissenschaftler. Magnete bewegen sich mit den Schwingbewegungen der Füße an Spulen vorbei. Weil die Forscher noch mit der Energie-Ausbeute ringen und den "Harvester" kleiner machen wollen, soll der Schuh auch per Funk mit Energie geladen werden können.

Der sportliche Sneaker passt zu den Mode-Trends: "Es gibt kaum noch Menschen, die keinen Sport treiben. Das spiegelt sich in der Mode wider", sagt Gerd Müller-Thomkins, Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts in Köln. Kleidung werde immer praktischer. Beim Thema Sportlichkeit sei auch ein selbstschnürender Sneaker kein Widerspruch. "Sonst bräuchten wir auch keine atmungsaktiven Stoffe", sagt er. Kleidung müsse heute immer mehr können.

Vitaminreiche T-Shirts

Es gibt T-Shirts für Marathonläufer, die Vitamine übertragen können, und Strumpfhosen gegen Cellulitis. "Damit Sportmarken ihren Innovationsvorsprung sichern können, reicht es nicht, wenn ein Bekleidungshersteller alle zwei Jahre eine neue Form und Farbe herausbringt. Da wird gefragt: Und was kann Ihr Schuh noch?", sagt Müller-Thomkins.

Der selbstschnürende Schuh ist ein öffentliches Projekt, mit dem das Institut für Mikro- und Informationstechnik in Villingen-Schwenningen und das Prüf- und Forschungsinstitut Pirmasens vor zwei Jahren gestartet sind. "Zielgruppen sind auch ältere und hilfsbedürftige Menschen, die motorisch eingeschränkt sind", sagt Ylli.

Und dieser Markt hat Zukunft. Bis 2060 wird in Deutschland voraussichtlich jeder dritte Einwohner älter als 65 Jahre sein. "Alte Menschen sollen möglichst lange in ihren eigenen Wänden bleiben", sagt Roland Sing, Vizevorsitzender des Sozialverbands VdK Deutschland. Heute gibt es dafür schon praktische Dinge wie selbstabschaltende Herde oder Hemden, die Daten über den Gesundheitszustand des Trägers übermitteln. "Wer sich nicht bücken kann, kann mit einem solchen Schuh wieder selbstständiger leben, und vielleicht muss kein Pflegedienst kommen", sagt der 73-Jährige.

Offiziell ist das ungewöhnliche Schuh-Projekt schon abgeschlossen. Momentan legen die Forscher noch nachträglich Hand an, "weil wir mit der Optik des Schnürmechanismus noch nicht zufrieden sind", sagt Ylli. Ein fertiges Produkt sei der Schuh dann aber immer noch nicht. "Die Industrie muss Interesse bekunden, weiter zu forschen. Das zeichnet sich zwar ab, aber ob es wirklich eine Fortsetzung gibt, muss sich erst noch zeigen", sagt er.

Die Forscher aus dem Südwesten sind mit ihrer Idee nicht allein: Schon im 25 Jahre alten Film "Zurück in die Zukunft II" schlüpft der Held in einen selbstschließenden Turnschuh. Nike-Designer Tinker Hatfield hatte Anfang 2014 auf einer Konferenz in New Orleans angekündigt, ein solches Modell im Jahr 2015 herauszubringen. Ein Sprecher von Nike wollte sich dazu aber nicht äußern.