Wirklich gesehen haben nur die wenigsten Menschen in Chatham die Haie. Aber jeder in dem kleinen Städtchen kann Geschichten über sie erzählen. „Erst kürzlich sollen einige direkt hier im Hafenbecken geschwommen sein“, sagt die Besitzerin des Süßwarengeschäfts auf der Hauptstraße. Weiße Haie, die Könige ihrer Art. „Von den Fischern hört man ständig, dass sie schon wieder einen gesichtet haben“, erzählt Amy Tagliaferri, die bei der Lokalzeitung „Cape Cod Chronicle“ für das Anzeigengeschäft zuständig ist. Die Haie sind in Chatham allgegenwärtig.

Das 6000-Einwohner-Städtchen, das im Sommer auf bis zu 30 000 Menschen anschwillt, liegt genau am Ellenbogen der armförmigen Halbinsel Cape Cod vor dem US-Ostküstenstaat Massachusetts. Die Strände sind breit, die Häuser sind aus Holz mit spitzen Giebeln, und abends taucht die Sonne die Landschaft in das goldene Neuengland-Licht, das einst den MalerEdward Hopper faszinierte.

Chatham würde aus den zahlreichen Städtchen auf Cape Cod nicht weiter herausstechen - wären da nicht die Rückkehr der Haie und der Erfolg des Horrorschockers „Der Weiße Hai“, der am kommenden Samstag (20. Juni) vor 40 Jahren in den USA Premiere feierte. Er wurde sofort zum bejubelten Klassiker, prägte die Kinobranche und veränderte das Image der Haie. Wohl für immer.

Star-Regisseur Steven Spielberg filmte damals ein paar Dutzend Kilometer Luftlinie von Chatham entfernt auf der Insel Martha's Vineyard. Die Dreharbeiten waren extrem chaotisch, doppelt so teuer und dreimal so lang wie geplant. Per Computer erzeugte Spezialeffekte waren damals noch so gut wie unbekannt, für den Hai auf Mord-Mission wurde eine mechanische Puppe eingesetzt, die immer wieder Probleme bereitete. Als „Flaws“ (Fehler) verspottete das Team den im Original „Jaws“ betitelten Film bereits. Doch er sollte zum Riesenerfolg mit drei Oscars, vielen Millionen verkauften Tickets weltweit und mehreren Fortsetzungen werden. Bis heute gilt „Der Weiße Hai“ als Messlatte für Horrorschocker und als Pionier der Sommer-Blockbuster.

Aber nicht nur die Kinoszene, auch das Image der Haie sollte der Film mit den gruseligen Unterwasseraufnahmen und der schaurigen Musik nachhaltig bestimmen. „Vor dem "Weißen Hai" wusste jeder irgendwie, dass Haie im Meer leben, aber die Menschen hatten keine Angst davor, in einem Pool zu schwimmen oder in ihre Badewanne zu gehen“, sagt der Tierfilmer Andy Casagrande, der auf Haie spezialisiert ist. „Ich habe so viele Freunde, die mich völlig verrückt finden und niemals in Wasser gehen würden, weil sie so viel Angst haben.“

Die Lokalszeitungs-Angestellte Amy Tagliaferri, die in den 70er Jahren aus New Hampshire nach Chatham zog, sah den Horrorschocker im kleinen Kino des Städtchens. „Seitdem höre ich jedesmal, wenn ich ins Meer gehe, diese gruselige Musik.“

In Chatham aber waren Haie damals kein Thema. Jahrzehntelang waren so gut wie keine Weißen Haie, die etwa vier Meter lang werden und mehr als 1000 Kilogramm wiegen können, vor Cape Cod gesichtet worden. „Dann fanden wir vor etwa zehn Jahren gespenstische Überreste zerfetzter Robben am Strand“, erzählt der Haiforscher Greg Skomal, dem sofort klar war, was das bedeutet: Die Weißen Haie sind zurück, angelockt von den durch verschärfte Schutzvorschriften wieder zunehmenden Robbenbeständen. „Für Weiße Haie sind die Robben Snacks. Wie Menschen, wenn sie ein neues Café entdecken, machen sie einen kurzen Stopp für eine kleine Mahlzeit.“

2009 sichtete Skomal die ersten Weißen Haie vor Chatham, im vergangenen Jahr konnte er mit seinem Team 68 Exemplare identifizieren.

In Chatham sorgten die Nachrichten zunächst für Unruhe. „Wir waren alle nervös“, erinnert sich die Zeitungsmitarbeiterin Tagliaferri, die sich auch im Verband der rund 150 lokalen Unternehmer engagiert. „Wir hatten Angst, dass die Touristen auf einmal wegbleiben würden und mit ihnen das Geld. Wir wussten nicht, wie wir mit der ganzen Sache umgehen sollten und haben erstmal versucht, alles zu verschweigen.“

Dann habe eine Bootsunternehmerin angefangen, Ausflüge zu den Robben anzubieten. „Die Menschen liebten es, weil die Tiere so süß sind. Aber dann merkte sie, dass die meisten ihrer Besucher nur auf Robben-Tour gingen, weil sie eine Attacke von einem Weißen Hai sehen wollten. Wir hatten verstanden: Die Menschen wollen die Haie sehen, sie sind von ihnen fasziniert. Also haben wir uns entschieden, sie uns zu eigen zu machen.“

Mit voller Kraft schmeißt sich Chatham seitdem in das Geschäft mit den Haien. Die Schule des Städtchens hat jetzt einen Hai als Maskottchen. Die vielen kleinen Geschäfte an der Main Road - der Hauptstraße - verkaufen T-Shirts, Hüte, Stofftiere, Goldanhänger, Tassen, Papierdrachen, Postkarten, Magnete, Rucksäcke, Surfbretter, Nummernschilder, Gürtelschnallen und Schlüsselanhänger mit Hai-Motiven. Auf Postern für 18,75 Dollar (etwa 16 Euro) wird Chatham zum „Spielplatz der Weißen Haie“ erklärt, darunter ist ein Schlund mit furchterregend vielen Zähnen zu sehen.

Ein Bestseller sind laut Tagliaferri, deren „Cape Cod Chronicle“ jeden Sommer eine umfangreiche Sonderausgabe zu den Haien druckt, auch weiße Ortsschilder mit Bissspuren an drei Seiten. Darauf steht „Willkommen in Chatham, dem Sommersitz der Weißen Haie“. „Die verkaufen sich wie verrückt.“

Im Süßwarengeschäft „Chatham Candy Manor“ gibt es eine Tüte Mini-Gummihaie für drei Dollar, Hai-Lutscher für zwei Dollar und Schokoladenhaie am Stil für drei Dollar. „Wir verkaufen wahnsinnig viel von all dem, am besten verkaufen sich die Lutscher“, erzählt die Besitzerin des Ladens. „Auf Anfrage können wir auch welche machen, die dem Hai von dem Filmposter noch ähnlicher sehen. Deswegen kommen doch alle hierher und alle halten vom Leuchtturm aus Ausschau. Es schreckt die Touristen nicht ab.“

Im Chatham Orpheum Theatre, dem lokalen Kino, hängt das bekannte Plakat mit dem riesigen Haimaul nur knapp unter einer Schwimmerin promiment neben der Eingangstür. Im Sommer läuft der Film hier dreimal pro Tag - und ist oft ausverkauft, wie der Kinobesitzer erzählt. „Es gibt Leute, die sich danach nicht mal mehr in den Pool des Chatham Bars Inn trauen.“ Das Chatham Bars Inn ist ein Luxusresort am Ende der Straße, das ebenfalls auf den Trend aufgesprungen ist. Für 2500 Dollar können Gäste beispielsweise einen Tag lang mit einem Haiforscher auf Bootstour gehen.

Auch in den Räumen der 2012 neugegründeten Forschungseinrichtung „Atlantic White Shark Conservancy“, die Spenden für die Hai-Wissenschaftler sammelt, können Touristen mehr über die Weißen Haie lernen. „Erst wollte ich nicht, dass die Einrichtung mit dem Film in Verbindung gebracht wird“, sagt Präsidentin Cynthia Wigren. „Aber dann wurde mir klar, wieviele Menschen Haie lieben und von ihnen fasziniert sind, gerade weil sie den Film gesehen haben.“ Noch in diesem Jahr soll auch ein eigenes Hai-Museum in Chatham eröffnen.

Die Besucher kämen aus aller Welt, sagt die Zeitungsangestellte Tagliaferri im kleinen Kate Gould-Park im Stadtzentrum, wo sie mit ihrem Unternehmerverband zahlreiche Haifiguren aufgestellt hat, die Künstler bemalt haben. „Wir hoffen, dass es jetzt zum Filmjubiläum noch mehr Touristen werden.“

Warum Chatham als einzige Stadt auf Cape Cod die Haie für sich entdeckt hat, kann Tagliaferri nicht erklären. Denn auch wenn die Tiere wegen der Robbenkolonien vor Chatham besonders häufig gesichtet werden, schwimmen sie doch an der gesamten Küste der Halbinsel entlang. „Sogar Menschen aus den umliegenden Städten kommen hierher und sagen, es ist wie Urlaub für sie, wenn sie nach den Haien Ausschau halten. Die anderen Orte hier haben sich die Tiere einfach nicht so zu eigen gemacht wie wir.“

Martha's Vineyard, der eigentliche Drehort, bietet zwar Touren an und veranstaltete bereits zweimal ein „JawsFest“, plant jedoch keine Veranstaltungen zum Jubiläum.

Aber, das muss auch die Hai-begeisterte Tagliaferri zugeben, die Tourismus-Strategie von Chatham ist auch nicht ohne Risiko. „Wir drücken die ganze Zeit die Daumen, dass nichts passiert. Eine Hai-Attacke auf einen Menschen - und alles könnte sofort wieder vorbei sein.“ In Truro, 40 Kilometer nördlich, wurde 2012 ein Mann ins Bein gebissen, aber er überlebte. Ansonsten gab es seit mehr als 80 Jahren keine Hai-Attacken vor Cape Cod. Mit Sichtungsflügen und Strand-Sperrungen im Notfall setzen die Behörden alles dran, dass das auch so bleibt. „Natürlich kann es trotzdem immer vorkommen, schließlich teilen sich Hai und Mensch dasselbe Wasser“, sagt „Atlantic White Shark Conservancy“-Präsidentin Wigren. „Wir glauben, dass wir uns am besten mit Forschung und Informationen für die Menschen davor schützen können.“

Und so setzt Chatham erstmal weiter voll auf das Geschäft mit dem Weißen Hai. „Wenn du sie schon nicht besiegen kannst“, wie die Besitzerin des Süßwarengeschäfts sagt, „dann mach sie eben zu Geld.“