Ihr hattet Altdöbern vor 35 Jahren als Lebensmittelpunkt gewählt und schnell zueinandergefunden?
Gerd Lau: Bis 1977 habe ich in Riesa (Sachsen) gewohnt und dort bereits als 17-Jähriger im Jugendklub mitgearbeitet. Mein Job war es später, den Kontakt zu Bands wie Sterncombo Meißen oder Renft herzustellen und für Auftritte im Riesaer Capitol zu gewinnen.

Bernhard Dase: Am 1. Juni 1978 übernahm ich aus Lieberose kommend als Gastwirt die Regie im Schützenhaus. Das trug damals noch den Namen Kulturhaus Heinrich Heine. Erste Akzente setzten wir im Sommer 1980 mit einer Disco am Freitag, Livemusik am Samstag und einer Jugenddisco am Sonntag.

Dennoch sollten sich die ersten Jahre als etwas holprig erweisen?
Gerd Lau: Schlüsselerlebnis war eine private Geburtstagsfeier am 11. Januar 1985 im Schützenhaus. Die wurde uns von den Funktionären verboten. Das Treffen sei illegal und außerdem gäbe es keinen Grund zum Feiern, hatte man uns kurz mitgeteilt.

Bernhard Dase: Für alle, denen wir nicht mehr absagen konnten, hatten wir trotzdem geöffnet und für "besondere Gäste". Transport- und Bereitschaftspolizei waren in öffentlichen Verkehrsmitteln präsent und die Stasi hatte an zwei Tischen im Gastraum Stellung bezogen. Einer hatte sich sogar auf der Toilette verschanzt. Für mich gilt dieser Tag als die Geburtsstunde kultureller Vielfalt in Altdöbern.

Warum?
Gerd Lau: Wir hielten die gesamte Aktion für überzogen. In einem Schreiben hatten wir die Vorgänge kritisiert und den Brief an Honecker geschickt. Wir wollten Blues, Rock, Soul und Countrymusic hören und haben, was Konzerte dieser Musikstile anbetrifft, auf Defizite hingewiesen.

Was die SED- und FDJ-Funktionäre natürlich völlig anders sahen?
Gerd Lau: Wider Erwarten gab es ein zögerliches Einlenken, in dessen Folge wir den "Club am Weinberg" gründen und Veranstaltungen ins Leben rufen konnten.

Bernhard Dase: Die Bluesaktivitäten wurden jetzt vom Staat anders bewertet und wir zu "Kulturschaffenden" erhoben.

Das provinzielle Altdöbern entwickelte einen Namen in der Szene?
Gerd Lau: Es gab kaum eine Band von Rang und Namen, die nicht in Altdöbern musizierte. Außer linientreue Musiker, die erhielten keine Einladung. Bei regelmäßigen Kabarettabenden gastierten unter anderem "Die Distel", Jürgen Hart, "Die Oderhähne" oder Michael Klobe (1950-2011). Zuletzt war er in Rollen wie "Sonnenallee", "Männerpension" oder "Tatort" zu sehen. Der kleine Mann brachte den Schützenhaussaal zum Beben.

Und welche Veranstaltung ist dem Schützenhauswirt in Erinnerung geblieben?
Bernhard Dase: Viele. Zu einem der Höhepunkte zählt zweifellos das Wiedervereinigungskonzert am 11. März 2005. Damals standen nach Jahren der Trennung der krebserkrankte Klaus Renft und Peter "Cäsar" Gläser wieder einmal gemeinsam auf der Schützenhausbühne. Das Konzert ist in die Ostrock- und Bluesgeschichte eingegangen. (Weiterführende Infos unter der Rubrik "Zum Thema").

Und dann gab es noch die legendären Open-Air-Konzerte?
Gerd Lau: Richtig. Bei Konzerten im Schlosspark verzeichneten wir in den 1980er-Jahren locker 3000 Fans. Vergleichbare Blues-Open-Airs dieser Größenordnung gab es zu DDR-Zeiten nur noch in Ketzin (Havel). Altdöbern war an diesen Wochenenden trockengelegt, trotz angereister Lkw-Ladungen mit Getränken. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass ohne die Helfer vom "Club am Weinberg" oder der Nachfolgeorganisation "Club extra" keine Veranstaltung hätte gestemmt werden können.

Bei den Konzerten ist dann der Rubel so richtig gerollt?
Gerd Lau: Bei uns standen kommerzielle Interessen nie im Vordergrund. Von den Einnahmen hatten wir im Freibad Dankeschönkonzerte für Helfer durchgeführt, ein paar Rücklagen gebildet und tüchtig gespendet. Während der Musikveranstaltungen "Blues für Unicef" sammelten wir Geld für das internationale Kinderhilfswerk. Später überwiesen wir mehrmals Hunderte D-Mark an die Deutsche Krebshilfe und an das Cottbuser Klinikum zugunsten krebskranker Kinder.

Irgendwann war Schluss mit Open Airs?
Gerd Lau: Im benachbarten Neudöbern gab es noch drei Konzerte in drei Kategorien. Das erste war grandios, das zweite gelungen, das dritte gravierend. Ein Regenguss hatte die Anlage bei der zweiten Auflage totgelegt. Zum Glück war es dem Altdöberner Techniker Reiner Lehmann binnen zwei Stunden gelungen, eine komplette Anlage neu zu installieren. Nach dem Malheur und vorangegangener Openairs im Regen haben wir uns auf Veranstaltungen im Schützenhaus konzentriert.

Apropos Regen. In einem Ostbluessong sind die Gegebenheiten festgehalten?
Gerd Lau. Richtig. In der Hymne "Hermsdorfer Kreuz" singen Pötsch und Postel "...das Openair in Altdöbern fällt wieder mal aus, es regnet in Strömen, was machen wir d´raus".

Die Frage ist bereits beantwortet: Heimkehr ins Schützenhaus. Oder?
Bernhard Dase: Der Reigen von Blues- und Rockkonzerten erstreckt sich etwa von September bis April. Zwischendrin laufen noch Kabarett- und Karnevalsveranstaltungen, Weihnachtsfeiern, Neujahrsempfang, Kleintierausstellungen, Partei-, Vereins- und Familientreffen aber auch Bürgerversammlungen und Gemeindevertretersitzungen.

Können Sie schon etwas zum Konzertfahrplan 2013/2014 sagen?
Bernhard Dase: Am Samstag, 12. Oktober bitten wir zum Neil-Young-Abend mit der "Old Ways Band" aus Sachsen und am Freitag, 29. November zum Liedkabarett mit MTS. Das Trio gastiert mit ihrem Jubiläumsprogramm 40 Jahre MTS.

International wird es am 2. November?
Gerd Lau: Erstmals sind Johnny Mastro & Mamas Boys in Altdöbern zu Gast. Die Bluesband aus Long Beach (Kalifornien) ist auf Europa-Tournee und macht auf dieser neben Auftritten in Rotterdam (NL), Luzern (CH), Berlin, München, Hamburg und anderen deutschen Städten auch Station in Altdöbern.

Wie kommt man an so ein Juwel der Bluesszene?
Gerd Lau: Durch Beziehungen und langjährige Kontakte mit Konzertveranstaltern.

Und was antworten Sie jenen, die Blues für verstaubt halten und als Musik für alte Menschen und alte Bands abstempeln?
Gerd Lau: Mag sein, dass Musiker und Fans altern. Die Musik bleibt jung, weil sie bodenständig und authentisch ist und weil sie die Menschen berührt. Wer wissen will, wie lebendig Blues klingt, dem empfehle ich das Konzert von Jessy Martens und Band, am Samstag, 15. März 2014, im Schützenhaus.

Meinen Sie damit die Jessy Martens, die 2012 reihenweise Preise abgeräumt hat?
Gerd Lau: Genau die. Jessy und ihre Jungs gewannen den Hauptpreis des bedeutendsten Nachwuchs-Wettbewerbs in Deutschland als Beste Rockband 2012. Zwei Monate zuvor gelang ihr der spektakuläre Gewinn von gleich drei German Blues Awards 2012 in den Kategorien: bester Tonträger, beste Band, beste Sängerin. Nebenbei wurde sie noch zur besten Rocksängerin und besten R&B-Sängerin gekürt.

Die 24-Jährige wird aufgrund ihrer unverwechselbaren Stimme bereits jetzt mit Amy Winehouse, Janis Joplin und Tina Turner verglichen. Was führte Sie dazu, Deutschlands Rock- & Blueslady No.1 ins Schützenhaus zu holen?
Gerd Lau: Zum einen, weil wir diese Künstlerin in zwei Jahren nicht mehr verpflichten und bezahlen können und zum anderen, um einen Fehler nicht zu wiederholen.

Welchen Fehler?
Bernhard Dase: Was Musikkonzerte betrifft, erlebten wir Mitte der 90er-Jahre eine Flaute. Nach einem schlecht besuchten Mugge mit Dirk Zöllner hatte mir das Management ein Zusatzkonzert mit einer aufstrebenden Band angeboten, was wir letztendlich abgelehnt hatten.

Und wie hieß die Band?
Bernhard Dase: Rammstein.

Mit Gerd Lau und Bernhard Dase sprach Uwe Hegewald.

Zum Thema:
Schützenhauswirt Bernhard Dase ist auch Pächter des Schützentreffs in Lieberose (Landkreis Dahme-Spreewald) und Gemeindevertreter in Altdöbern. Gerd Lau genießt die Altersteilzeit und besucht regelmäßig Rock- und Blueskonzerte. Er hat es sich zum Vorsatz gemacht, keine Band zu verpflichten, die er nicht selbst live erlebt hat.

Zum Thema:
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