Helga Simon aus Grünewalde würde gern fünf weitere Jahre als ehrenamtliche Richterin wirken. Doch sie darf nicht. Mit 69 Jahren hat sie die Altersgrenze erreicht. "Leider", gibt sie ein wenig traurig zu.

Kräftig rührt sie die Werbetrommel, damit sich genügend Bürger für dieses interessante, manchmal auch aufregende Ehrenamt bewerben. "Die Gemeinden haben es nicht einfach, die Listen aufzustellen", weiß Marion Müller, Direktorin des Amtsgerichtes Senftenberg. Notwendig sind 88 Vorschläge für Erwachsenen- und 82 für Jugendschöffen. Gewählt wird letztlich jeder Zweite.

Gern zu Gericht gefahren

"Diese Tätigkeit hat auf jeden Fall meinen Horizont erweitert. Sie ist sehr spannend. Ich bin gern zum Gericht gefahren", sagt Helga Simon. Sie habe die vielfältigsten Lebenssituationen von Menschen kennenlernen können. "Wir Schöffen helfen mit, ein gerechtes Urteil zu finden", erläutert sie. Die Paragrafen muss und soll ein ehrenamtlicher Richter nicht kennen. Diese Seite erklärt ihm der Berufsrichter von Fall zu Fall. Der Schöffe soll vielmehr fernab des juristischen Denkens sein Verständnis von Recht und Gerechtigkeit einfließen lassen. Nach dem Abwägen der Argumente aller Seiten müssen sich Richter und Schöffen auf ein Urteil einigen.

Helga Simon wurde nicht am Amtsgericht Senftenberg eingesetzt, sondern am Landgericht in Cottbus. "Dort habe ich fast alle Strafkammern durchlaufen", schwärmt sie. Die Bandbreite der Verfahren reichte vom einfachen Delikt (Diebstahl) über Drogen- und schwere Verkehrsstraftaten mit Verletzten und Toten bis hin zu Sexualdelikten. "Als Schöffe habe ich keine Wahl, zu welcher Verhandlung ich gehe. Ich werde bestellt", erläutert die 69-Jährige, warum sie am Landgericht so viel herumgekommen ist.

"Das Ehrenamt war dort so spannend, weil das Spektrum groß gewesen ist. Ich habe dort einige menschliche Abgründe kennengelernt. Da waren skrupellose Kriminelle ebenso darunter wie Menschen, die durch Schicksalschläge auf die schiefe Bahn geraten sind", verrät Helga Simon. "Trotzdem glaube ich immer noch an das Gute im Menschen", sagt sie.

Landläufig ist immer wieder zu hören, dass die Urteile oft zu lasch sind. "Wenn man alle Emotionen herausnimmt und die Faktenlage kennt, dann sind die Urteile auch nachvollziehbar", entgegnet die erfahrene Schöffin. Manche Strafe könnte aus ihrer Sicht sicher härter ausfallen.

Recht und Gerechtigkeit spielen im Leben von Helga Simon, die in Lauchhammer-Süd aufgewachsen ist, ehrenamtlich schon lange eine große Rolle. Sie war Chemielaborantin in der Großkokerei und später in der Sanierungsgesellschaft Lauchhammer. Gleich bei den ersten Wahlen nach der Wende wurde sie in den Betriebsrat gewählt. Damals verloren Tausende Frauen und Männer ihre Arbeit. Bei den Verbliebenen änderten sich bis zu dreimal im Jahr die Arbeitsverträge. Zu den Aufgaben der Betriebsrätin gehörte es auch, das jeweils Beste für die Kolleginnen und Kollegen herauszuholen.

Schicksale am Sozialgericht

Sie arbeite sich in die vollkommen neue Rechtslage hinein. "Das hat Spaß gemacht", sagt sie. Über die Betriebsgewerkschaft wurde sie bald Schöffin am Sozialgericht in Cottbus. Verhandelt wurden und werden zum Beispiel Klagen gegen Krankenkassen und deren Bescheide sowie gegen die Pflegeversicherung. "Da gab es herzergreifende Schicksale", blickt Helga Simon zurück auf eine Zeit, die für sie bald zur Vergangenheit als ehrenamtliche Richterin gehört.