Früher, in dieser Jahreszeit, wenn es in Zörbig in Sachsen-Anhalt dunkel wurde und der eiskalte Wind um das Haus pfiff, hat Lagi Braune von der Südsee geträumt. Dann kuschelte sie sich mit ihrer Mutter Margarete unter die Bettdecke, und die Mutter erzählte in leuchtenden Farben von dem Land, in dem sie geboren wurde: Samoa im Südpazifik. Sie weckte in der kleinen Lagi eine Sehnsucht, die den Krieg, die Teilung Deutschlands und das Leben in der DDR überdauerte. Mit 51 Jahren folgte Braune gegen alle widrigen Umstände der Ausreise ihrem Herzen und begann in Samoa ein neues Leben.

Inzwischen 86, hat Braune auf ihrer Veranda in der Hauptstadt Samoas, Apia, nur noch Erinnerungen an die Tage in Zörbig. "Hier bin ich zu Hause", sagt die rüstige Rentnerin. "Ich liebe die Menschen, das Klima, dies ist eine Perle im Pazifik". Braune hat schon zu DDR-Zeiten den Namen Lagi (ausgesprochen: Langi) angenommen, um ihre samoanischen Wurzeln zu betonen: Die Großmutter mütterlicherseits war Samoanerin. Das wurde den Enkeln in Nazideutschland fast zum Verhängnis: Sie verlangten einen Ariernachweis, nachdem ein Lehrer Braunes Mutter als "Negerin" denunziert hatte.

Margarete Walter wurde 1901 in der deutschen Kolonie Samoa geboren, erzählt Braune. Mit dem Ersten Weltkrieg war es mit dem Berliner Kolonialabenteuer vorbei. Walter ging 1920 als Kindermädchen nach Deutschland und heiratete dort. Nach dem Tod ihres Mannes hielt sie ihr Heimweh nicht mehr aus. 1953 kehrte sie nach Samoa zurück. 24 Jahre sollte es dauern, bis Lagi Braune selbst ihre Sehnsucht stillen konnte: Erst 1977 schaffte sie die Ausreise. "Es war nicht einfach, aus dem eingemauerten Ostdeutschland rauszukommen", sagt sie.

Mit 51 fing Braune von Null an: "Ich lernte zu schreinern, um mir hier ein Haus zu bauen". Sie lernte Englisch, die Verkehrssprache Samoas. Sie hielt sich erst als Kassiererin über Wasser, dann konnte sie in einem deutschen Forschungsprojekt als Sekretärin arbeiten. Sie begann, das Südseeabenteuer zu genießen. "In den Anfangszeiten musste ich mir hier in Samoa manchmal in den Arm kneifen, um festzustellen, dass ,Klein-Gretchen aus der DDR' es tatsächlich geschafft hat."

In Samoa erinnert nach fast 100 Jahren noch viel an die deutsche Kolonialzeit. An der Uferpromenade steht das alte Gerichtsgebäude, einst für die deutsche Kolonialverwaltung gebaut. Ein Denkmal erinnert an den Untergang der Schiffe Adler, Eber und Olga bei einem Hurrikan 1889. Die Währung heißt "Tala". Es gibt jede Menge deutsche Familiennamen: von Reiche, Keil, Retzlaff. Der Ex-Handelsminister heißt Hans-Joachim Keil, ein ehemaliger Vize-Regierungschef Hermann "Telefoni" Retzlaff. Der Mittelname rührt auch von seinem deutschen Ahnen, der aus Stettin kam, um Telefonleitungen zu verlegen.

"Die Geschichte beurteilt die deutsche Präsenz in Samoa wohlwollend", sagte Retzlaff bei einer Ausstellungseröffnung in Berlin. "Die deutschen Gouverneure, vor allem Wilhelm Solf und Erich Schultz, hatten Verständnis für die Kultur, sie waren intelligent und belesen und wussten, dass man die Samoaner nur erfolgreich regieren kann, wenn man in ihre Fa'a Samoa, ihre Kultur eintaucht." Schultz, der letzte Gouverneur, ließ sich sogar wie die Samoaner tätowieren, vom Knie bis zum Bauchnabel, in einer höchst schmerzhaften Prozedur, die bis heute nach alter Art verbreitet ist.

Lagi Braune hat auch eine Tätowierung, eine Art Armband am Handgelenk: "Etwas, das mir niemand nehmen kann", sagt sie. Zehn Jahre war sie nicht mehr in Deutschland. "Wenn ich im Lotto gewinnen würde, würde ich noch einmal hinfahren", sagt sie. "Mit dem Dampfer, so eine richtige Luxusreise." Freunde in Deutschland setzen jeden Monat 20 Euro auf ihre Glückszahlen. Bislang ist der Millionengewinn ausgeblieben. Braune ist aber überzeugt, dass sie das größte Los mit dem Umzug nach Samoa schon gezogen hat. Sie hat ein Buch über ihr zweites Leben mit gleichnamigem Titel geschrieben.