Ob Hartz IV, Fanmeile oder Abwrackprämie: Immer im Dezember gibt die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) dem zu Ende gehenden Jahr eine Art Überschrift. Diesmal hat es ein großes Thema mit gleich drei Wendungen in die Top Ten der Wahl zum "Wort des Jahres 2015" geschafft: Sie alle haben mit Zuwanderung zu tun, und der Begriff "Flüchtlinge" hat es ganz nach vorn geschafft. Das Thema galt quasi als gesetzt, doch in seiner Schlichtheit mag das Siegerwort überraschen.

In der Jury wurde über noch ein anderes Wort diskutiert. Wie der GfdS-Vorsitzende Peter Schlobinski in Wiesbaden verriet, stand auch "Flüchtlingsflut" in der Sitzung zur Debatte. "Das hat natürlich eine ganz starke negative Komponente", erklärte er. Mit "Flut" werde der Mensch nur als undefinierbare Masse betrachtet, die irgendwo einströmt. "So was wollten wir nicht als Platz eins haben. Ganz klar."

Kritik kommt von der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft. "Ich finde es schwierig zu erkennen, nach welchen wissenschaftlichen Kriterien bewertet wird", sagte der Sprecher Volker Struckmeier in Köln. Die Frage sei, ob Wörter oder Ereignisse hervorgehoben werden sollten. Die Wahl scheine ein Jahresrückblick zu sein, der an Begriffen festgemacht werde.

Die Hilfsorganisation Pro Asyl freut sich, dass die Entscheidung auf "Flüchtlinge" gefallen ist, wie Geschäftsführer Günter Burkhardt in Frankfurt am Main sagte. "Es werden damit Menschen ausgezeichnet, die ein Menschenrecht wahrnehmen." Gerade dieses Asylrecht sei derzeit durch Schnellverfahren in Deutschland und die Grenzabschottung in Europa jedoch in Gefahr.

Auch für den Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch von der Freien Universität Berlin ist "Flüchtlinge" eine gute Wahl. Die GfdS habe in den vergangenen Jahren auch ein paar Mal "danebengegriffen" und beispielsweise 2014 mit "Lichtgrenze" zum Mauerfall-Jubiläum ein Wort gewählt, mit dem nur wenige etwas anfangen konnten. Der Begriff bezeichnete eine Kunstinstallation, die 25 Jahre nach der Wende den Verlauf der Berliner Mauer nachzeichnete.

Trotz des womöglich leicht abschätzigen Beigeschmacks der Endung "ling" sieht Stefanowitsch den Begriff Flüchtling "nicht wirklich als problematisch" an. Er sei beim großen Teil der Gesellschaft nicht negativ besetzt. Anders sei dies etwa beim Wort "Asylant", das oft gemeinsam mit Begriffen wie "illegal" und "unerwünscht" oder in der Variante "Scheinasylant" auftauche. "Dies ist bei Flüchtling nicht der Fall", sagte der Professor.

Zuwanderung war bereits in früheren Jahren ein Thema bei den Wiesbadener Sprachforschern. "Willkommenskultur" erreichte 2014 Platz sechs, "Armutseinwanderung" ein Jahr zuvor Platz drei. Und bereits 1992 schafften es die Begriffe "Fremdenhass" und "Rassismus" auf Platz zwei und drei der Liste.

"Die Wörter sind Dokumente der Zeitgeschichte", betonte Schlobinski. Der Ausspruch "Wir schaffen das!" von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zur Zuwanderung landete jetzt auf Platz zehn. Der Satz habe für ihn eine hohe Symbolwirkung, der "vom Positiven bis zum Negativen alle Auseinandersetzungen widerspiegelt", sagte der Sprachforscher. In diesem Jahr steht ein weiterer Begriff zum Thema Zuwanderung auf Platz sechs der Liste: "durchwinken". Dahinter steckt der Vorwurf an einige EU-Mitgliedstaaten, wie etwa Österreich, Zehntausende von Flüchtlingen unregistriert weiterreisen zu lassen.

"Ich würde mich nicht wundern, wenn das Thema Zuwanderung auch bei der anstehenden Wahl des Unwortes des Jahres eine Rolle spielen wird", prognostizierte Stefanowitsch.

Die sprachkritische Jury zum "Unwort des Jahres" gibt ihre Entscheidung Anfang kommenden Jahres bekannt. Mehrmals vorgeschlagen wurden unter anderem bereits Begriffe wie "Gutmenschen", "Wirtschaftsflüchtlinge", "Flüchtlingskrise" und "Asylkritiker", wie ein Mitglied des Darmstädter Gremiums Mitte September schon verraten hatte.