Bereits am Vormittag, zum Handwerker- und Bauernmarkt und einem zünftigen Frühschoppen, füllte sich das Festgelände am Rande des Ortes schnell. Die Holzland-Alphornbläser aus Waldeck sorgten für ein echt alpenländisches Flair, und die Oberländer Musikanten ließen mit ihrer Musi so manches Tanzbein schwingen. Um 13 Uhr, der Glockenschlag der Lieskauer Kirche war kaum verklungen, kündigte Moderatorin Bärbel Jünigk die ersten Tiere, Senner und Sennerinnen an. Alles schien seinen normalen Abtriebs-Ablauf zu nehmen.

Das Pferd Aysha von Constanze Jünigk, mit 20 Lebensjahren und der Erfahrung von zwölf Almabtrieben, blieb ob der Besuchermassen völlig unbeeindruckt. Gerhard Thors Kälbchen Alma, mit dreieinhalb Monaten jüngstes Tier, schaute zwar etwas blauäugig in die Runde, fand dann aber das Grün und die frischen Kräuter verlockender und trottete zu Tale. Es folgten Ziegen, Enten, Gänse – alles was man landläufig in einem Dorf an Tieren finden kann.

Eine halbe Stunde nach Beginn des Abtriebs kam etwas Nervosität bei den Veranstaltern auf. Schäfer Neeskes, mit 600 Tieren auf der Alm, wurde erwartungsvoll angekündigt, allein die Schafe zogen es vor, sich noch etwas im nahe gelegenen Wald zu verstecken. Treiber und Hunde schafften es dann aber letztlich doch, den Schafen den rechten Weg, genau durch die Tausenden erwartungsvollen Zuschauer zu weisen. Mit großem Applaus wurden Mensch und Tier im Tal begrüßt.

Die Spannung stieg und bei den Veranstaltern wuchs die Anspannung. Bauer Pötzsch aus Betten, mit seiner freilaufenden Mutterkuhherde sollten der Abschluss und Höhepunkt des bunten Abtriebtreibens werden. 55 Rinder, davon 20 Kälber, wurden tags zuvor nach Lieskau gebracht. Da lief noch alles glatt. Angesichts der Massen aber, die erwartungsvoll warteten, passierte das, was auf keinen Fall geschehen sollte. Die Herde überlegte es sich anders und trottete geradewegs durch Wald, über Äcker und Wiesen in Richtung Betten, in heimatliche Gefilde.

Sechs Treiber, darunter der Vereinsvorsitzende Erhard Muschter, schafften es nicht, die Herde auf den richtigen Weg zu bringen. Einzig drei stattliche Rinder konnten die Treiber unter enormen Kraftaufwand dazu bewegen, über die Alm ins Tal zu trotten. „So ein Rindvieh hat auch seinen eigenen Kopf und da kann man wenig dagegen tun“, so Muschter völlig erschöpft am Ende der Strecke.

Die Enttäuschung war auf allen Seiten natürlich groß, „doch so ist das bei einer Liveveranstaltung mit Tieren, zumal mit solch großen und kräftigen“.

Und in den letzten 13 Jahren war es nicht das erste Mal, dass sich eine Herde selbstständig gemacht hatte. Schnell ging man zum Rahmenprogramm über. Als die Alphornbläser wieder ins Horn bliesen und die Lieskauer Flachlandbubenplattler ihr Können und ihre neuesten Kreationen zeigten, war das Missgeschick mit den Kühen fast schon wieder vergessen.