Es war noch dunkel, als die Berliner Polizei am Dienstagmorgen zuschlug. 60 schwer bewaffnete Polizisten von den Spezialeinsatzkommandos (SEK) brachen Türen auf und stürmten Wohnungen. 160 weitere Beamte, Spezial-Ermittler und Suchhunde unterstützen sie. Ziel der Razzien in Neukölln und anderen Stadtteilen waren ab 4.30 Uhr Mitglieder kurdisch-arabischer Großfamilien. Acht Männer wurden verhaftet - vom 20-Jährigen bis zum Verdächtigen im fortgeschrittenen Alter von 56.

Einige der Männer sollen an dem spektakulären Raubüberfall im Luxuskaufhaus KaDeWe im Dezember 2014 beteiligt gewesen sein. Kurz vor Weihnachten hatten damals fünf maskierte Männer das Erdgeschoss gestürmt und Schmuck und Uhren im Wert von rund 800 000 Euro geraubt. Außerdem ging es bei den Razzien um die Anstiftung zu einem Auftragsmord, der allerdings nicht ausgeführt wurde. Die Polizei beschlagnahmte eine Schusswaffe, Munition, Schmuck, Geld und einen Porsche.

Dank Zeugen aus dem kriminellen Milieu sei man auf die Spur der Verhafteten gekommen, teilte die Polizei mit. Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) triumphierte: "Dass es Aussagen von Zeugen gibt, ist ungewöhnlich für dieses Milieu. Das ist eine wichtige Botschaft: Fällt die Mauer des Schweigens, können die Sicherheitskräfte noch konsequenter handeln."

Allerdings fällt die Mauer bei der organisierten Kriminalität selten. Das gilt besonders für arabische Clans, die nicht nur in Berlin berüchtigt sind, sondern auch im Ruhrgebiet, in Niedersachsen und in Bremen. Das größte Problem für die Polizei sind die abgeschotteten Familienstrukturen. Um zu überleben, mussten die Familien zusammenhalten. "Die Großfamilie ist alles und der Rest ist nichts", beschrieb ein Forscher das Muster.

Viele Mitglieder dieser Großfamilien durften in Deutschland nicht arbeiten. Kriminalität wurde eine Haupteinnahmequelle mancher Clans. Drogenhandel, Schutzgelderpressung und illegales Glücksspiel werfen hohe Gewinne ab. Dazu kommen Überfälle wie auf das KaDeWe oder vor Jahren auf ein Pokerturnier mitten in Berlin.

Der frühere Bürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky (SPD), im Sender n-tv: "Sie können da keinen Fremden einschleusen. Zeugen werden ganz schnell mundtot gemacht, mit Gewalt, mit Bedrohungen. Wenn heute acht Leute verhaftet worden sind, heißt das noch lange nicht, dass es auch zu acht Verurteilungen kommt. Denn Geld spielt da überhaupt gar keine Rolle, und diese Familien beschäftigen für gewöhnlich die besten Anwaltskanzleien der Stadt."

Zwischen zwölf und 20 derartige Großfamilien soll es in Berlin geben. "Da wird vor Ort schon dafür gesorgt, dass jeder weiß, wer in welcher Straße das Sagen hat", sagte Buschkowsky. Wer in Neukölln ein Geschäft eröffne, bekomme Besuch von Schutzgelderpressern.

Das Landeskriminalamt Niedersachsen warnte, dass sich die Zahl der Ermittlungsverfahren bestimmter Clans zwischen 2002 und 2011 von 100 auf 600 pro Jahr versechsfacht habe. LKA-Präsident Uwe Kolmey sagte im NDR, die offene Bedrohung von Staatsanwälten und Richtern sowie die Einschüchterung von Zeugen habe eine neue Dimension erreicht. In Essen sprengte die Polizei 2015 einen international agierenden Schleuser- und Passfälscherring aus Angehörigen eines Familienclans.

Auch andere Clans profitieren von den Flüchtlingen. Sie vermieten überteuerte Unterkünfte und stellen Wachleute, wie Neuköllns Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) sagte. Flüchtlinge werden auch für das kriminelle Geschäft rekrutiert.

Politiker und Polizisten hoffen auf ein neues Gesetz nach italienischem Vorbild, über das beraten wird. Können Verdächtige nicht nachweisen, dass ihr Geld aus legalen Geschäften stammt, kann die Justiz es einziehen.