Erst bei der Premiere an diesem Dienstag (16. September) in München soll das streng gehütete Geheimnis gelüftet werden. Dass dieser Film mit deutscher Starbesetzung die größte denkbare Aufmerksamkeit erregt, liegt zum einen am Thema - erschütterten die Terroristen um Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin die Bundesrepublik vor allem in den 1970er Jahren doch in ihren Grundfesten. Zum anderen ist der Kinostart begleitet von einer trickreich kontrollierten Medien- Kampagne, die es in dieser Form noch nicht gegeben hat.

„Der Baader Meinhof Komplex“ beruht auf dem Buch des früheren „Spiegel“-Chefredakteurs Stefan Aust. Die Produktion hat sogar Chancen, von Deutschland ins Rennen um den Oscar für den besten nicht englischsprachigen Film geschickt zu werden. Doch ob diese Hoffnungen berechtigt sind, konnten bislang nur ein paar ausgewählte Journalisten und Eichinger-Vertraute beurteilen. Ihnen war der fast fertige Film in kleinen Sondervorführungen gezeigt worden - unter der Bedingung, nichts vor der Premiere zu veröffentlichen. Andernfalls drohte eine Konventionalstrafe von 50 000 Euro, wie der Deutsche Journalistenverband erzürnt mitteilte.

Lediglich der „Spiegel“ durfte erste Einblicke geben und das Thema besetzen. Das Nachrichtenmagazin, an dessen Spitze der RAF-Spezialist Aust lange Jahre als Chefredakteur gestanden hatte, machte den Film in der Ausgabe vom 8. September gar zum Titelthema.

„Wie es wirklich war“ titelt in dieser Woche ein paar Tage nach dem „Spiegel“ das „Zeit Magazin“ und bringt als Aufmacher ein ausführliches Interview mit Stefan Aust. Dagegen musste der „Playboy“ ein vorab an Agenturen verbreitetes Interview mit Bernd Eichinger zurückziehen, weil das Magazin vertraglich nicht zur „Weitergabe an Dritte“ vor dem eigentlichen Veröffentlichungstermin berechtigt war.

Eichinger habe weniger ein Kunst- als ein Geschichtswerk geschaffen, schreibt im „Spiegel“ der Autor Dirk Kurbjuweit. Es sei ein realistischer Film ­ ohne „nette“ Terroristen, mit denen man sich identifizieren könne. „Die Menschen zeigen sich über die Tat, die sie tun“, sagt Eichinger dem „Spiegel“. „Entscheidend ist, dass sie es tun, nicht, warum sie es tun.“ Dabei müssen sich die Zuschauer auf einige Dramatik bei den Taten gefasst machen: „Sie werden sehr viel Blut sehen, sehr viel Schmerz in krassen Bildern“, heißt es im „Spiegel“. Morde nicht aus der Sicht des Täters, sondern auch aus der Sicht der Opfer.

Authentizität auch bei den Dialogen: Sie beruhten wenn möglich auf überlieferten Texten oder Gesprächsinhalten, berichtet die Produktionsfirma Constantin Film in München. Die Gespräche zwischen den RAF-Gefangenen in Stammheim wurden vielfach mit Hilfe von Kassibern, geheimen Zettel-Botschaften, nachkonstruiert, die die Gefangenen untereinander oder mit so genannten „Sympathisanten“ außerhalb ausgetauscht hatten.

Ausgangspunkt des Films ist die Unzufriedenheit junger Leute mit der politischen Situation. Erst richtet sich der Hass der Gruppe gegen das kriegerische Eingreifen der USA in Vietnam, bald darauf auch gegen den deutschen Staat. „Die Wahrheit ist aber, dass Freiheit in diesem Staat die Freiheit für den Polizeiknüppel ist“, empört sich Meinhof in einer Szene aus dem Kino-Trailer. Auf Brandanschläge und Banküberfälle folgen Attentate und Bomben. Ein Leben auf der Flucht, vor allem vor Ermittlern wie Horst Herold, der als Präsident des Bundeskriminalamtes die Spur der Terroristen hartnäckig verfolgt. Als viele der ersten RAF-Anhänger schließlich in Haft sind, tritt die zweite Generation zu ihrer Befreiung an. 1977 dann der Deutsche Herbst mit der Geiselnahme von Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer, der Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut und am 18. Oktober der Selbstmord von Baader, Raspe und Ensslin im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim.

Frappierend ist vor allem die Ähnlichkeit der Darsteller mit ihren realen Vorbildern. Sie habe zwischendurch Probleme gehabt, aus der Rolle der Ulrike Meinhof rauszukommen, gestand etwa Martina Gedeck („Meine schöne Bescherung“) dem „Spiegel“. Nicht leicht fiel auch Nadja Uhl („Sommer vorm Balkon“) die Rolle der Brigitte Mohnhaupt, die eiskalt mit ihrem Revolver mordet. „Ich muss versuchen, das Töten zu verstehen“, wird sie im „Spiegel“ zitiert.

Moritz Bleibtreu („Free Rainer“) verkörpert den unbeherrschten RAF-Anführer Baader, der mit seiner Leidenschaft viele Menschen faszinierte, während Johanna Wokalek („Barfuss“) als scharfzüngige, fanatische Gudrun Ensslin zu sehen ist. In weiteren Rollen spielen Alexandra Maria Lara (Petra Schelm), Niels Bruno Schmidt (Jan-Carl Raspe) und Hannah Herzsprung (Susanne Albrecht). Für die Rolle des Terroristenjägers Herold konnten Eichinger und Edel den Schweizer Schauspieler Bruno Ganz gewinnen, der in Eichingers „Der Untergang“ schon Adolf Hitler verkörpert hat.