Joachim Petschat aus Leipzig ist ein freundlicher älterer Herr, der sich voll und ganz der Drehorgel verschrieben hat. Seine Leidenschaft für Leierkästen hat ihn zum Chef des Clubs Deutscher Drehorgelfreunde (CDD) werden lassen. Kurz vor dem CDD-Jahrestreffen in Speyer hat Petschat einen Trend aufgespürt, der ihm gar nicht behagt: Viele Drehorgelmänner ließen ihr Gerät heute ertönen, indem sie einen MP3-Player hineinlegten und laufenließen, berichtet er. Für den gemütlichen Großvater aus Sachsen hört da der Spaß auf. "Das lehnen wir natürlich ab", sagt Petschat. Hier werde nicht mehr mit Luft und Pfeifen gearbeitet wie bei normalen Drehorgeln. "Das sind jetzt nur noch Lautsprecher, nur noch Attrappen", kritisiert er.

Zwar kämen die mit MP3-Playern ausgerüsteten Leierkästen gut an, sie produzierten aber drehorgeluntypische Geräusche. "Die haben Töne - da müsste eine Pfeife elf Meter lang sein", sagt der Maschinenbauingenieur im Ruhestand. "Es ist eben keine Orgelmusik." Drehorgel-Nachahmungen mit MP3-Abspielgerät werden nach seinen Angaben zum Beispiel in Tschechien verkauft. Dort hätten sich mehrere Drehorgelfans ein Gerät beschafft, so Petschat. Kürzlich hat er nach eigenen Angaben sogar einen Drehorgelspieler beobachtet, der sein Instrument mit einem iPad bestückte, um Musik zu machen.

Bei dem Club-Treffen am Wochenende (8./9. April) in Speyer könnte das MP3-Thema für Sprengstoff sorgen. Denn Petschat hat unter den rund 800 Clubmitgliedern eine Umfrage gestartet, um herauszufinden, wie sie zu der MP3-Geschichte stehen. Etwa zehn haben geantwortet. Die meisten seien der Ansicht, dass die MP3-Fraktion bei dem Treffen nichts zu suchen habe und nicht eingeladen werden solle, sagt er. Nur: Von den meisten Teilnehmern wisse man vorher nicht, was sie in ihren Geräten hätten. "Man erkennt es erst an der Fülle der Musik."

Dabei hat es schon vor dem MP3-Thema High-Tech-Lösungen für Drehorgeln gegeben. So können die Leierkästen schon länger mit Mikrochips ausgerüstet werden, auf denen Platz für 1000 Lieder ist. Klassische Konzerte mit Musik von Bach, Mozart und Beethoven sind ebenso drin wie moderne Schlager. Den Gedanken, dass es da bis zum MP3-Player nur ein Schritt ist, will Petschat aber nicht gelten lassen. Auf einen Player könne man noch mehr Musik packen als auf einen Chip, sagt er. Und außerdem funktioniere die Drehorgel mit dem Chip noch normal: Er steuere die Ventile, die dann die Luft für die Pfeifen freigäben. Der Player dagegen produziere "keine Orgelmusik".

Und weshalb verfallen Drehorgelfans auf die Nummer mit dem MP3-Player? "Es könnte ein Kostenfaktor sein", sagt Sina Hildebrand von der Fachstätte für historische Musikautomaten. Drehorgeln haben ihren Preis. Nach ihren Angaben sind Geräte ab etwa 3000 Euro zu haben, das könne bis 30 000 Euro gehen. Die 34-Jährige findet es "eigentlich nicht ok", mit einem MP3-Player loszuziehen. "Es ist eine Verdummung der Leute", sagt sie.

Neben der Konserven-Musik macht auch der Nachwuchsmangel dem Vorsitzenden zu schaffen. Im vergangenen Jahr standen 25 Abgängen durch Austritt oder Tod von Mitgliedern nur zwölf Eintritte gegenüber. Zwar gebe es kleine Drehorgelfans, aber die seien mitunter zu jung, um Mitglied werden zu können. "Wir dürfen ja erst ab 14 aufnehmen."

Beim Jahrestreffen gibt es aus Sicht des Vorsitzenden aber auch etwas Erfreuliches: Die Drehorgelspieler dürfen im Speyerer Dom spielen, nach Petschats Angaben zum ersten Mal.