Propst Besch, Papst Benedikt geht. Welche seiner Botschaften hallt für Sie am deutlichsten nach?
In guter Erinnerung ist mir sein Stichwort von der "Entweltlichung" geblieben. In der Heiligen Schrift heißt es: Gleicht euch nicht dieser Welt an. Das heißt nicht, dass sich die Kirche aus der Welt zurückziehen soll, sondern dass sie sich von ihr unterscheiden soll, um besser für sie da sein zu können. Wenn die Kirche sympathisch wirkt - gut, aber nicht um jeden Preis. Sie sollte ihre eigene Praxis überdenken, infrage stellen, was "man" so tut, und Alternativen vorleben. Kirche erscheint mir manches Mal zu bürgerlich. Wir haben uns hier und da zu bequem angepasst und eingerichtet. Der Papst hat das in der ihm eigenen bescheidenen Art vorgetragen und zu bedenken gegeben. Dafür bin ich ihm dankbar.

Mit seinem Rücktritt hat Benedikt XVI. die Welt überrascht. Können Sie seinen Schritt nachvollziehen?
Ja, zudem finde ich beeindruckend, dass der scheidende Papst den Mut hat, seine Schwäche zu zeigen. Genau darin gleicht er seinem Vorgänger, der eben auch diesen Mut aufbrachte, Schwäche einzugestehen, obwohl er im Amt blieb. Im Übrigen wurde dem Amt des Papstes in der jüngsten Vergangenheit immer mehr aufgebürdet. In der Regel fordert man in der Öffentlichkeit, dass alle wichtigen Dinge zur Chefsache gemacht werden müssten. Man meint vielleicht, sie wären dort am besten aufgehoben. Das muss nicht so sein. Ich wünschte mir mehr Eigenverantwortung.

Ist das ein Wunsch, den Sie an das nächste Pontifikat haben?
Ich denke, es wäre gut, wenn Benedikts Nachfolger in dieser Hinsicht entlastet werden würde, und er Verantwortung an seine Mitbrüder im bischöflichen Amt übertragen könnte. Er sollte aber auch den Mut und die Stärke haben, wo es ihm nötig erscheint, korrigierend einzugreifen. Jedenfalls wünsche ich ihm die Gelassenheit, den überzogenen Ansprüchen, die die Menschen an ihn haben, zu widerstehen. Er muss sich nicht zu jeder Frage äußern.

Sie haben von den Mitbrüdern des Papstes gesprochen. Der katholische Klerus ist eine reine Männergesellschaft. Dabei wird auch unter Katholiken immer wieder der Wunsch nach der Ordination von Frauen laut. Wie stehen Sie dazu?
Ich meine, dass es bei der jetzigen Praxis bleiben sollte, und halte es für richtig, dass die katholische Kirche an dieser Tradition festhält. Die Rolle, die die Frau in der Kirche spielt, sehe ich nicht als eine geringere, sondern als eine andere an. Das Gegenüber, das sich daraus ergibt, sollten wir für die Kirche fruchtbar machen. Die Frage, ob es bei der jetzigen Praxis bleiben wird, sollten wir aber offen halten. Künftige Generationen werden eben diese Frage stellen und wir sollten sie immer wieder neu beantworten.

Wenn über Reformen in der katholischen Kirche gesprochen wird, kommt regelmäßig die Abschaffung des Zölibats zur Sprache. Denken Sie, dass in diesem Punkt Reformbedarf besteht?
Der Zölibat ist eine Gnadengabe, möglicherweise eignet diese Gabe den einen oder anderen auch von Natur aus, aber zunächst ist er Gnadengabe, das heißt auch Aufgabe. Eine Lebensform, die eine Zumutung seitens Gottes ist und natürlich auch gepflegt werden sollte. Mit der Entscheidung für den Zölibat ergibt sich auch die Aufgabe, in diese Art und Weise des Lebens hineinzuwachsen. Dann erschließt sich nach und nach auch ihr Sinn. Das ist auch in der Berufung zur Ehe so. Der Zölibat ist darüber hinaus auch ein sichtbares Zeichen dafür, dass Gott wie in jeder anderen Lebensform ein gewisser Vorrang zukommt. Er ist die Quelle, aus der wir leben. Auf diesem Hintergrund kann man darüber nachdenken, ob man den Zölibat für den katholischen Priester zur Pflicht macht oder nicht.

Wann stand für Sie fest, dass Sie Priester werden wollen?
Schon als ich ein Schuljunge war, mit 13 oder 14 Jahren.

Haben Sie nie über eine berufliche Alternative nachgedacht?
Eigentlich nicht. Ich hatte auch immer ein großes Interesse für Philosophie. Aber das ließ sich mit dem Theologiestudium gut verbinden.

Wie ist die Idee, Priester zu werden, in Ihnen entstanden?
Es waren die Priester in meiner Heimatgemeinde, die auf mich einen guten Eindruck gemacht haben und deren Leben mir gefiel. Geprägt hat mich das Leben aus dem Glauben in meiner Familie. Vor allem aber spürte ich in meinem Innern die Berufung, Priester zu werden.

Wo sehen Sie persönlich Ihre Aufgabe als Priester?
In der Verkündigung der frohen Botschaft. Der Glaube an die Erlösung hilft uns, mit der Last des Lebens umzugehen. Das Gelingen des Lebens hängt nicht von unserem Geschick ab. Auch nicht davon, dass wir von Tag zu Tag als bessere Menschen leben. Das Christentum ist keine moralische Olympiade. Ich möchte die Menschen zum Leben ermutigen, ihnen keine Angst vor Fehlern machen, denn nichts lastet so schwer auf uns wie das ungelebte Leben. Wir sollten keine Angst vor dem Scheitern haben. Wir sind angenommen und sollten einander annehmen trotz unseres Versagens. Es geht darum, immer wieder einen neuen Anfang im Guten machen zu können - nicht mehr und nicht weniger.

Dass Priester Menschen sind, zeigen etwa die Missbrauchsfälle, die für Empörung sorgen. Die katholische Kirche und ihre Vertreter stehen in der Kritik. Wie kommt das bei Ihnen an?
Ja, auch Priester sind Menschen, wie Sie sagen, sie werden schuldig und bedürfen der Vergebung. Die Kritik an ihnen als Vertreter der Kirche ist berechtigt. Wir müssen es uns gefallen lassen, infrage gestellt zu werden, auch im Hinblick auf den Umgang mit unserer Schuld. Der Ruf nach Bekehrung schmeckt nicht jedem. Die Missbrauchsfälle betreffen aber nicht nur die Menschen in der Kirche, sondern in der ganzen Gesellschaft. Hier spüre ich ein gewisses Ungleichgewicht in der Wahrnehmung und in der Bewertung dieser Fälle.

Durch die Medien geistern derzeit Begriffe wie "Katholikenphobie". Bekommen Sie eine solche Angst zum Beispiel in Form von Kirchenaustritten zu spüren?
Ich weiß nicht, ob es tatsächlich Angst ist. Jedenfalls ist die öffentliche oder die veröffentlichte Meinung über die Kirche nicht günstig. Die Lage ist schwierig, einige möchten wissen, was die Kirche sagt, andere möchten es

nicht hören. Wir sollten nicht aufhören, die Menschen für unsere Anliegen zu gewinnen, unsererseits keine Berührungsängste aufkommen zu lassen. Auf die Mitgliederzahlen in unserer Gemeinde wirkt sich die öffentliche Meinung nicht aus. Die ist stabil.

Sind Sie zufrieden mit der Außenwirkung der katholischen Kirche?
Mir ist wichtig, dass wir in unserer Gesellschaft mit unserer Botschaft wirksam werden. Die Außenwirkung ist eine andere Sache, sie hängt nicht zuletzt an der Wahrnehmung unserer Mitmenschen. Wir wollen uns nicht gut verkaufen, aber wir wollen bei den Menschen gut ankommen. Das ist jede Mühe wert. Mit der Außenwirkung unserer Pfarrei bin ich zufrieden. Man kann hier und da sicherlich noch vieles verbessern, aber wir sollten das Gute auch mal gut sein lassen. Wir haben ein gutes Verhältnis zu unseren Nachbarn in der Stadt und zu den evangelischen Christen. Im Jahr 2012 haben wir mit unseren Nachbarn ein Straßenfest gefeiert, wir engagieren uns im Evangelischen Gymnasium, das wir mit auf den Weg gebracht haben.

In der Lausitz sind die Christen in der Minderheit. Sehen Sie das Dasein in der Diaspora als Vorteil oder als Nachteil?
Eher als einen Vorteil. Die Diasporachristen halten treu zu ihrer Kirche, auch wenn sie nicht mit allem, was in der Kirche geschieht, zufrieden sind. Als Pfarrer sehe ich mich nicht so sehr im Gegenüber der Gemeinde, sondern ich fühle mich mit ihr im gemeinsamen Bemühen verbunden. Zudem bin ich auch mit den Menschen, die sich nicht als Gläubige bekennen, persönlich gern im Gespräch über Gott und die Welt.

Sie haben Wurzeln in Spremberg. Haben Sie die Diskussion um Erwin Strittmatter verfolgt und dazu eine Meinung?
Ich habe nur beiläufig davon gehört. Es geht wohl um seine verschwiegene Vergangenheit. Ich will unterscheiden: Auf der einen Seite gibt es sein Werk, das ich zu würdigen weiß, und auf der anderen Seite seine Lebensführung, die ich mir nicht zum Vorbild machen muss, und möglicherweise seine Schuld, die ich zu vergeben habe. Paulus sagt: "Prüft alles und behaltet das Gute." Was gut war im Leben und im Werk von Erwin Strittmatter bleibt gültig.

Sie sagten, Ihr Amt sei für Sie mehr Berufung als Beruf. Hat ein Propst jemals Feierabend?
Nein, Feierabend im üblichen Sinne habe ich als Priester nicht, ich bemühe mich für die Menschen da zu sein, ich wohne ja im Pfarrhaus direkt neben der Kirche, sodass ich beinahe jederzeit für sie erreichbar bin, dennoch

habe ich genügend Zeit und die Freiheit, sie zu genießen. Es ist ein schönes Leben.

Das Gespräch mit Propst Besch führte Nicole Nocon

Alle Interviews können Sie noch einmal nachlesen unter www.lr-online.de/interview

Zum Thema:
Propst Thomas Besch steht der Propsteipfarrei Zum Guten Hirten vor, der Katholiken in Cottbus sowie in Peitz, Drebkau und Neuhausen angehören. Die Pfarrei gehört zum Bistum Görlitz, das aktuell 28 800 Katholiken zählt.

Zum Thema:
Thomas Besch wurde 1960 in Döbern geboren. Aufgewachsen ist er in Spremberg. Er besuchte das Gymnasium in Magdeburg, studierte Theologie in Erfurt. 1988 wurde er zum Priester geweiht. Im Juni feiert er sein 25-jähriges Jubiläum.

Zum Thema:
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