Wenn sie auf der neu gebauten Straße an dem klaffenden Loch im Hang vorbeifährt, hat Brigitte Evans noch immer ein „unbehagliches“ Gefühl. „Da kommen einem die Tränen hoch, wenn man daran denkt, was hier passiert ist“, sagt die gebürtige Stuttgarterin. Seit über 35 Jahren lebt die 69-jährige Wahlamerikanerin in der kleinen Ortschaft Darrington im US-Staat Washington, nur wenige Kilometer von dem verheerenden Erdrutschgebiet nahe Oso entfernt.

An diesem Sonntag (22. März) jährt sich die Katastrophe. 43 Menschen kamen an einem Samstagvormittag ums Leben, als Dutzende Häuser in dem idyllischen Flusstal - rund 100 Kilometer nordöstlich von Seattle - von einer gewaltigen Schlammlawine zerdrückt wurden. Das jüngste Opfer, ein kleines Mädchen, war vier Monate alt. Es starb an der Seite seiner Großmutter. Das älteste Opfer war eine 91-jährige Frau. Erst vier Monate später konnte die letzte Leiche aus dem zähen Mix aus Erde, Geröll, Baumstämmen und Dreck geborgen werden. Die Verwüstung bedeckte eine Fläche von mehr als 360 Fußballfeldern.

Herzzerbrechende Szenen der Tragödie sind in Erinnerung geblieben. Etwa die dramatische Rettung des vierjährigen Jacob. Ein Helfer zog den Jungen aus dem Schlamm und reichte ihn an ein Hubschrauberteam weiter. Er war mit seinem Vater und drei Geschwistern zu Hause, die Mutter auf der Arbeit. Sie und Jacob sind die einzigen Überlebenden der Familie. Cory Kuntz verlor seine Tante, doch er dankte Nachbarn und Freunden, die seinen Onkel vor dem Tod im Schlamm bewahren konnten. „Sie hörten, wie er an das Dach klopfte“, sagte Kuntz damals dem Sender King5 News. Dann gruben sie den Mann, der in einer kleinen Luftblase überlebte, aus dem verschütteten Haus aus.

„Die Masse an Dreck, Schutt und Bäumen war total überwältigend“, erinnert sich Heather Kelly an ihren Einsatz in dem Notgebiet. Die 45-jährige Einsatzleiterin ist heute noch im Auftrag des Bezirks Snohomish für Hilfeleistungen für die Betroffenen zuständig. „Es erinnerte mich an den verheerenden Ausbruch des Vulkans Mount St. Helens“, sagt sie der Deutschen Presse-Agentur.

Ein halbes Jahr dauerte es, die meterhohen Erdmassen aus dem Weg zu schaffen. Der Schlamm hatte eine Straße auf einer Länge von zwei Kilometern unpassierbar gemacht und den Lauf des Flusses in dem Tal verändert. Wo einst die kleine Siedlung Steelhead Haven stand, reihen sich nun nackte Erdhügel aneinander. Dahinter ragt die schroffe 180 Meter hohe und 450 Meter breite Steilwand empor. Dort war nach heftigen Regenfällen plötzlich die gesamte Bergflanke abgerutscht.

„Das Leben in der Gemeinde geht weiter, aber 'normal' ist es noch nicht“, meint Brigitte Evans. Sie war eine von vielen Freiwilligen, die in den ersten Wochen Essen und Hilfsgüter austeilten. Mit dem Jahrestag werden nun viele Erinnerungen wach. Zum Gedenken sind Veranstaltungen geplant, die einst zerstörte Straße wird für mehrere Stunden gesperrt. Um 10.37 Uhr vormittags soll mit einem Moment des Schweigens der Toten gedacht werden. Genau um diese Uhrzeit ging die Schlammlawine ab.

„Es fühlt sich nicht so an, als sei es schon ein Jahr her“, sagte Margie Hadaway kürzlich der Lokalzeitung „The Herald“. Der Tod ihres Ehemanns Steven tue immer noch so weh wie am Anfang. Der 53-jährige Handwerker arbeitete an einem der Häuser, die von der Schlammlawine erfasst wurden. Die Leiche wurde erst nach zwei Monaten gefunden.

Das 1400-Seelen-Dorf Darrington und das noch kleinere Oso sind erst durch die Katastrophe bekanntgeworden. Schaulustige werden angehalten, die zerstörte Zone nicht zu betreten. Die Anwohner sehen sie vergleichbar mit einer Grabstätte als eine Art „heiligen Ort“ an, sagt Heather Kelly. So gab es prompt Proteste gegen Rafting-Trips, die ein Anbieter auf dem Stillaguamish-Fluss zum Jahrestag plante. Er warb damit, die Naturkatastrophe vom Raft aus zu erkunden. Die Aktion sei vorerst gestoppt worden, wie „The Herald“ berichtete.

Wochenlange schwere Regenfälle hätten maßgeblich zu dem Unglück beigetragen, befand ein Team von Wissenschaftlern im Juli. In ihrer Studie verwiesen sie auch auf andere Faktoren, wie etwa frühere Erdrutsche in der Region, die zur Schwächung des Steilhangs geführt haben könnten. Wäre die Katastrophe zu verhindern gewesen? Das ist die „magische Frage“, sagt die Notfallbeauftragte Kelly. Die Experten hätten darauf noch keine Antwort.

Brigitte Evans hat am Fuß der Cascade-Berge ihr „Paradies“ gefunden. „Ich würde nie von hier wegziehen“, versichert die Ex-Stuttgarterin. Einige Meilen flussaufwärts von dem Unglücksort fühle sie sich recht sicher. Dort müssten sie höchstens mit Überschwemmungen rechnen. Kleinere Erdrutsche kommen im regenreichen Nordwesten der USA immer wieder vor, sagt Evans. „Aber was hier vor einem Jahr passierte, damit hat wirklich niemand gerechnet“.