Hartmut Preyer, was ist Choro und wie hat er sich entwickelt?

Choro entstand in Rio de Janeiro um 1870 als Freizeitbeschäftigung von Beamten und der Mittelschichtbevölkerung in Brasilien. Man spielte die damals angesagten Stücke aus Europa wie Walzer, Polkas, Mazurkas und Tangos. Nach und nach entwickelte sich durch Einflüsse afrobrasilianischer Rhythmen ein eigener Stil, diese Stücke zu spielen. Aber Choro ist eigentlich kein Musikstil, sondern eine Art, alle Stile zu spielen. Choro ist flexibel und heute in Brasilien wieder sehr lebendig. Auch in anderen Ländern gewinnt er Freunde.

Wie ist die klassische Besetzung des Choros und in welcher Besetzung spielen Sie und Ihre Musiker in Schlepzig?

Die klassische Bestzung ist eine siebensaitige Gitarre, eine mit sechs Saiten, Cavaquinho, Pandeiro, das typische Percussioninstrument in Brasilien, und ein Melodieinstrument, Flöte oder Mandoline, oder auch ein anderes Instrument. Das Konzert in Schlepzig ist eigentlich ein Gitarrenduo, das mit der Percussion von Tom Erben vervollständigt wird. Und es ist das Abschiedskonzert von Daniel Rosa, der zurück nach Brasilien geht.

Wie wichtig ist die soziale Komponente des Choros in Brasilien?

Choro ist nur eine von vielen Musikrichtungen in Brasilien. Wenn sich Menschen treffen, um Choro zu spielen, nennt man das eine Roda de Choro, ein Kreis von Musikern, die Choro spielen. Es ist oft ein regelmäßiges Ereignis und das lieben die Brasilianer. Choro war in Brasilien immer im Radio zu hören und Generationen sind mit ihm aufgewachsen.

Wie sind Sie als Deutscher auf den Choro gestoßen?

Ich komme vom Jazz und da hat man viel mit Bossa Nova zu tun. Da ist Brasilien nie weit weg. Choro lief mir zu einer Zeit über den Weg, als ich keine Lust auf Jazz mehr hatte. Ich spielte in ein paar Bands Bass, meistens Soul aus den 1960ern, und während eines Auftritts, bei dem auch andere Musiker mitmachen konnten, fragte mich eine Sängerin, ob ich Lust hätte, in ihrem Trio den Gitarristen zu ersetzen, brasilianische Musik, aber keine Bossas, interressant. Mit der Percussionistin dieser Band hörte ich bei der „Copa de Cultura“ 2006 in Berlin mit dem „Trio Madeira Brasil“ eine der bekanntesten Choro-Gruppen aus Rio. Das war die Initialzündung.

Worin besteht der Reiz des Choros für Sie?

Der Reiz des Choros besteht für mich darin, dass er weder Jazz noch klassische Musik ist. Natürlich steht man bei jedem Choro-Stück vor einem Wald von Noten. Es dauert, bis man sich darin wohlfühlt und damit spielen kann. Es ist etwas, was ich im Jazz vermisse. Die Grundlage der Improvisation sind nicht die Changes, also die Akkorde, die dem Stück zugrunde liegen, sondern die Melodie. Wenn man Choro spielt, kann man improvisieren, muss aber nicht.

Früher wurde im Choro wenig improvisiert; später änderte sich das. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Ich versuche, den Drang zur Improvisation zu dosieren. Bei einem Konzert mit einstudiertem Programm ist das sowieso nur beschränkt möglich, bei einer Roda, also Session, kann da schon mal mehr passieren und alles ist möglich. Dafür ist die Roda da. Es gilt: Je länger man mit einer bestimmten Besetzung zusammen spielt, desto mehr passiert.

In den vergangenen Jahren gab es Wellen, die lateinamerikanische Musikformen international populär machten. Das gelang unter anderem mit argentinischem Tango. Können Sie sich so etwas auch beim Choro vorstellen?

Diese Wellen waren immer mit dem jeweiligen Tanz verbunden. Choro ist nicht wirklich Tanzmusik. Es gibt die Gafieira-Variante, bei der getanzt wird, aber ob die es in die Tanzschulen schafft, da bin ich mir nicht sicher. Noch vor zehn Jahren gab es keinen Choro in Europa oder nur sehr vereinzelt und nun ist er überall vertreten. Von einer Welle kann man nicht sprechen. Aber ich denke, dass sich Choro lange halten wird – quasi als Brücke zur brasilianischen Musik.

Mit Hartmut Preyer sprach

Thomas Seifert