Bereits im Treppenhaus des Grünen Hauses sind die Klänge eines Didgeridoos zu hören. Bei jedem Schritt in Richtung Gruppenraum wird die Musik lauter. Es ist Mittwoch. Und immer mittwochs proben die „Betablocker“. Seit drei Jahren gibt es die Musikgruppe im Grünen Haus in Sachsendorf, dem Sitz des Vereins „Macht los“.

Was als Beschäftigungsangebot für psychisch Kranke begann, hat sich inzwischen sehr gemausert. Die Musiker um Sozialpädagogin Steffi Maziul haben sich ein breites Repertoire erarbeitet. Sie spielen Lieder von „Lilly Marlen“ bis „Skandal im Sperrbezirk“, Hits von Reinhard Mey und Nina Hagen. Auch ihren ersten öffentlichen Auftritt hatten die „Betablocker“ kürzlich: im Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt. Das Publikum war begeistert.

Sich in die Öffentlichkeit zu wagen, kostet einige der Bandmitglieder viel Überwindung. Denn neben dem normalen Lampenfieber haben die Musiker mit den verschiedensten psychischen Erkrankungen zu kämpfen. Mit Depressionen, mit Schizophrenie oder mit einem Borderlinesyndrom. Wer an welcher Krankheit leidet, ist bei der Probe nicht herauszuhören. Beim Singen und Spielen unterscheiden sich die Kranken nicht von den Gesunden. „Musik ist ein gutes Medium. Sie lässt vergessen“, sagt Steffi Maziul. Andreas Müller, der inzwischen sein Didgeridoo weggelegt und eine kleine Trommel zwischen die Knie geklemmt hat, bestätigt: „Beim Trommeln kann ich mal eine halbe Stunde vergessen, dass ich krank bin.“ Kerstin Pfennig spielt Gitarre: „Durch die Band habe ich wieder Mut gefasst, Musik zu machen, und bin viel besser drauf“, sagt sie. Aber nicht nur ihr musikalisches Talent kann sie einbringen. Kerstin Pfennig ist auch für die Öffentlichkeitsarbeit der Band zuständig. Die Überschrift „Betablocker ab sofort rezeptfrei“ hat sie sich ausgedacht. In der Band können sich alle mit ihren Fähigkeiten einbringen: Marek Witzke dichtet selbst Texte, Stefanie Raak singt bei Gelegenheit sogar Solos und Conny Pinder hat inzwischen genug Selbstbewusstsein entwickelt, um auch vor völlig fremden Menschen Gitarre zu spielen. Die Reaktion des Publikums hat sie bestärkt: „Die strahlenden Augen unserer Zuhörer drückten mehr Dank aus als alle Worte“, sagt sie.

Barbara Hitziger absolviert ein freiwilliges soziales Jahr im Grünen Haus. Sie erlebt, welchen Stellenwert das Musizieren für die Bandmitglieder hat: „Für viele ist die Probe der Höhepunkt der Woche.“ Raik Stoppa bringt auf den Punkt, was die Musik ihm gibt: „Wenn ich richtig in einem Lied drin bin, dann kann ich wieder richtig etwas fühlen, trotz Betablockern.“

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Info zum ThemaDas Tageszentrum des Vereins „Macht los“ bietet Menschen mit psychischen Erkrankungen eine strukturgebende gemeinsame Tagesgestaltung und Unterstützung bei der Bewältigung von Alltagsproblemen. Weitere Infos unter www.machtlos-cottbus.de