Nach der Erdbebenkatastrophe mit mindestens 290 Toten bereitet sich Italien auf den milliardenschweren Wiederaufbau vor. Dabei dürften die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden, mahnten Spitzenpolitiker am Sonntag. Mit einem Staatsbegräbnis hatte das Land am Wochenende Abschied von den Opfern genommen. Zur zentralen Trauerfeier kamen auch Staatspräsident Sergio Mattarella und Regierungschef Matteo Renzi in die Stadt Ascoli Piceno. Vor ihnen standen aufgereiht 35 mit Blumen geschmückte Särge, daneben weinende Angehörige. Papst Franziskus will demnächst die Erdbebenregion besuchen.

Nach den schwersten Erdstößen in der Nacht zum Mittwoch und mehr als 1300 Nachbeben liegen ganze Ortschaften in den Regionen Latium und Marken in Schutt und Asche, etwa 2500 Menschen wurden obdachlos. Fast 400 Menschen wurden in Krankenhäusern behandelt.

Nach Angaben von Forschern muss in Mittelitalien im Schnitt alle zehn Jahre mit einem Erdbeben der Stärke 6 und mehr gerechnet werden. Mehr als 50 Prozent der Privatwohnungen in Italien entsprechen nach Berechnungen des Nationalen Ingenieurrats nicht den Sicherheitsbestimmungen. Allein die Erdbebensicherung von Wohngebäuden in den am meisten gefährdeten Gegenden könnte demnach bis zu 36 Milliarden Euro kosten.

"Ohne Vernunft" gebaut

In den erdbebengefährdeten Regionen sei "ohne Vernunft und Voraussicht" gebaut worden, kritisierte der frühere italienische Regierungschef und EU-Kommissionspräsident Romano Prodi. Er forderte einen 30-Jahr-Plan für sein Land, konkrete Regeln für Programme und Finanzmittel und klare Zuständigkeiten von Staat, Regionen und Kommunen. "Unser Ziel darf nicht mehr sein, die Städte und Dörfer um jeden Preis zu erweitern, sondern das, was existiert, sicher zu machen", verlangte Prodi.

Die Regierung in Rom forderte von der EU eine Lockerung der Stabilitätskriterien. So könnten zusätzliche Gelder in die Erdbebensicherung von Gebäuden fließen, hieß es aus Regierungskreisen. In den EU-Defizitregeln gibt es bereits Ausnahmen bei Naturkatastrophen und Wiederaufbau.

Die Staatsanwaltschaft in den verwüsteten Regionen leitete Ermittlungen wegen möglicher Schlamperei am Bau ein. "Was da passiert ist, kann nicht nur als Unglück gesehen werden", zitierte die Zeitung "La Repubblica" Staatsanwalt Giuseppe Saieva. Bei einigen der zerstörten Häuser sei "mit mehr Sand als Zement" gebaut worden. Vor allem der Einsturz einer erst kürzlich renovierten Grundschule in Amatrice hatte Unverständnis und Empörung ausgelöst.

Der Samstag war der Tag der Trauer in Italien. Im ganzen Land wurden die Flaggen auf halbmast gesetzt. Der Sender RAI verzichtete auf allen seinen Kanälen aus Respekt vor den Opfern auf Werbung. Der Zivilschutz sammelte über eine Spenden-SMS bis Sonntagmittag bereits 9,6 Millionen Euro.

"Habt keine Angst, euer Leid hinauszuschreien, aber verliert auch nicht euren Mut", sagte Bischof Giovanni D'Ercole beim Staatsakt in einer großen Sporthalle in Ascoli Piceno. Als er die Namen der 35 Toten in den Särgen vorlas, schluchzten Angehörige auf. Manchem wurde es übel, auch wegen der drückenden Hitze. "Zusammen werden wir unsere Häuser und Kirchen wieder aufbauen", sagte der Bischof.

Weitere Trauerfeier am Dienstag

Am stärksten betroffen ist der Ort Amatrice in der Region Latium, wo mindestens 229 Menschen in den Tod gerissen wurden. Nach etwa zehn Vermissten wurde am Sonntag in den Schuttbergen weiter gesucht. In Amatrice soll am Dienstagabend eine weitere Trauerfeier mit Regierungschef Renzi stattfinden.