Programmdirektor Bernd Buder erinnert sich gern an den Beginn der Cottbusser Erfolgsgeschichte. Als das Filmfestival 1991 Premiere feierte, umfasste das Programm eine Din-A-4-Seite mit zehn Produktionen aus Osteuropa. Heute können Festivalbesucher aus einem umfangreichen Filmangebot mit 220 Beiträgen wählen.

„Die Situation des Einzelnen in einer Gesellschaft, an der das Individuum wenig ändern kann, war Ende der 90er ein wichtiges Thema“, sagt Buder. Ein Motiv, das auch im Jahr 2018 eine wichtige Rolle spielt. Stilistisch seien die Unterschiede zu damals aber nicht zu übersehen. Die Verzweiflung der Menschen haben die Regisseure in den 90er Jahren häufig in eine stereotype Charakterschilderung übersetzt. Buder: „Es wurde sehr viel Alkohol getrunken und geraucht. Die Verzweiflung fand ihren Ausdruck in der Selbstzerstörung“. In den aktuellen Produktionen seien die Filmfiguren deutlich subtiler gezeichnet. So wie in der ukrainisch-deutschen Koproduktion „Volcano“, in der der Protagonist Lukas als Teil einer OSZE-Mission im Süden der Ukraine strandet und sich in einer surreal anmutende Welt wiederfindet. Dort herrschen Anarchie und das Recht des Stärkeren und trotzdem gelingt es dem Hauptdarsteller, in den zufälligen Begegnungen mit anderen Menschen einen Ausweg aus dem Chaos zu finden. „Dennoch steht nicht die Gemeinschaft als Lösung im Vordergrund.“ Vielmehr sei in den Produktionen zu beobachten, dass sich die Protagonisten „auf die jeweils eigene Insel“ zurückziehen.

Im Vergleich zu den 90er Jahren hat sich sowohl die Themenvielfalt als auch das Genreangebot vergrößert. In „Eternal Road“ spielt der Finnische Regisseur Antti-Jussi Annila virtuos mit den Gattungen. Die Produktion wechselt zwischen Western, Politthriller und Historienfilm. Sie begleitet einen Agenten wider Willen, der 1931 in die Sowjetunion flüchten muss und dort vom Geheimdienst als Spion gegen die USA eingesetzt wird.

Jedes Jahr muss sich Programmdirektor Buder inmitten einer Vielzahl osteuropäischer Produktionen entscheiden. 2018 hat er einen ausgesprochen politischen Schwerpunkt gesetzt. „Wir hinterfragen mit diesem Jahrgang einseitige Geschichtsbilder und sperren uns gegenüber der zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft.“ Ein erwähnenswerter Beitrag sei in diesem Zusammenhang die mazedonische Populismus-Farce „Das Jahr des Affen“. Darin flüchtet ein Affe aus dem Zoo und wird zum Liebling der Bevölkerung. Die Komödie zeige pointiert die Absurditäten korrupter Polit-Praxis und ziehe alle Seiten durch den Kakao.

Auch außerhalb des Kinosaals bemerkt Buder im Jahr 2018 Parallelen zu den späten 90ern. Der gebürtige Berliner zeigte sich in der Nachwendezeit begeistert von der kreativen Aufbruchsstimmung, die damals in Cottbus zu spüren war. Buder: „Gleichzeitig gab es aber große Ressentiments gegen die ehemaligen Vertragsmitarbeiter aus dem Ausland“. Die Mischung aus Neubeginn im Strukturwandel und Furcht vor Zuwanderung sei heute wieder allgegenwärtig.

Rückblickend habe das Filmfestival von seinem Beginn an große Schritte in Richtung Professionalität gemacht. Es sei heute eine international beachtete Plattform für Filmemacher. Viele Fehler der vergangenen Festivaljahre fallen Buder dann auch nicht ein. Nur einmal habe er einen Moment der Unaufmerksamkeit gehabt und sich gegen den estnischen Fantasy-Film „November“ entschieden, der als Beitrag für den besten fremdsprachigen Film bei der 90. Oscarverleihung 2018 ausgewählt aber nicht nominiert wurde.

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