Überfüllte Zellen, stickige Luft. Drogen und Gewalt. Brutale Bandenchefs sind die heimlichen Herrscher über Tausende von Häftlingen in der orangefarbenen Kluft des südafrikanischen Strafvollzugs. Wird auch Oscar Pistorius sie anziehen müssen? Und wenn ja: für wie lange? Als der Paralympics-Star seine Freundin - das Model Reeva Steenkamp - erschoss, sei das zwar kein Mord gewesen, aber immerhin fahrlässige Tötung, entschied seine Richterin am 12. September.

Nun muss Thokozile Masipa das Strafmaß festlegen. Die Anhörungen dazu beginnen am Montag (13.10.) im südafrikanischen Pretoria. Wann die Strafe feststehen wird, ist noch unklar.

Die Höchststrafe für fahrlässige Tötung liegt in Südafrika bei 15 Jahren Gefängnis. Sie kann unter anderem verhängt werden, wenn ein Angeklagter nicht einfach versehentlich getötet hat, wie bei einem Autounfall, sondern den eventuellen Tod eines anderen Menschen durchaus billigend in Kauf genommen hat.

Darauf wies Richterin Masipa bereits bei der Begründung ihres Schuldspruchs hin. In jener verhängnisvollen Nacht zum Valentinstag 2013 hatte der heute 27 Jahre alte Sportler mehrere Schüsse durch eine Toilettentür seines Hauses im luxuriösen Silverwoods Estate am Rande von Pretoria abgefeuert. Durch jene Tür, hinter der er angeblich einen Einbrecher vermutete, jedoch nicht seine Freundin Reeva.

„Das Problem ist doch, dass eine Person getötet wurde - egal, was Pistorius dachte, wer da hinter der Tür steht“, erklärte die Strafrechtsexpertin der Universität von Pretoria, Annette van der Merwe. Einen Mord - worauf auch in Südafrika lebenslänglich steht - hatte Richterin Masipa jedoch ausgeschlossen. Für eine absichtliche Tötung seiner 29-jährigen Freundin habe die Anklage nun mal keinen hinreichenden Beweis vorgelegt.

Für den prominenten Staatsanwalt Gerrie Nel war das wie ein Schlag ins Gesicht. Umso mehr wird er nun dafür kämpfen, dass der Sportstar, der mit Fußprothesen aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff Sprintrekorde aufstellte, möglichst lange hinter Gitter muss. Unter anderem könne der Ankläger Steenkamps Eltern erneut aufrufen, damit sie noch einmal schildern, wie tief der gewaltsame Tod ihrer Tochter sie getroffen hat, sagte die südafrikanische Kriminologin Laurie James-Pieters der Zeitung „Telegraph“.

Nel werde wohl auch anführen, dass Pistorius einst mit 200 Stundenkilometern über Straßen raste, auf denen nur die Hälfte erlaubt ist. Zudem könne er einmal mehr auf handgreifliche Streitereien verweisen, in die Pistorius verwickelt war. Alles, um zu zeigen, dass dieser Mann unberechenbar und eine „Gefahr für die Gesellschaft“ sei.

Kritische Äußerungen der Richterin über Pistorius' Charakter könnten darauf hindeuten, dass die bald 67-jährige Juristin - sie hat am 16. Oktober Geburtstag - sich für ein relativ hohes Strafmaß entscheidet. „Sie könnte 15 Jahre verhängen und zwar im Wissen, dass dies dann in einem Berufungsverfahren auf 5 bis 10 reduziert wird“, sagte James-Pieters.

Dass am Ende nur eine Bewährungsstrafe herauskommt, halten Experten zwar für wenig wahrscheinlich. Doch für fahrlässige Tötung ist in Südafrika nicht zwingend ein Mindestaufenthalt im Gefängnis vorgesehen. „Da kann man auch mit einer Bewährungsstrafe ohne Einsitzen davonkommen“, sagte der Strafrechtsexperte André Thomashausen von der Johannesburger Kanzlei Werth Schröder Inc. der Nachrichtenagentur dpa. Ähnlich sieht das Juradozent James Grant von der Witwatersrand-Universität: „Gerichte können hier ihren Ermessensspielraum voll ausschöpfen“, erklärte er im Fernsehen.

Um Pistorius das berüchtigte Pretoria Central Prison zu ersparen, wird natürlich auch die Verteidigung noch einmal alle Register ziehen. Einmal mehr könnte Rechtsanwalt Barry Roux nach Einschätzung von Beobachtern dabei auch die Behinderung des Paralympics-Stars ins Spiel bringen. Er könnte dann darauf verweisen, dass ein Mensch, dem beide Unterschenkel amputiert wurden, in Südafrikas notorisch brutalem Strafvollzug besonders stark gefährdet wäre.

Gefährdet könnte allerdings auch die Frau sein, die nach der Anhörung aller Argumente über das Strafmaß zu entscheiden hat. Schon nach ihrem für viele unerwartet milden Schuldurteil war Richterin Masipa einer solchen Flut von Beschimpfungen und Drohungen ausgesetzt, dass sie unter Polizeischutz gestellt werden musste.