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Regionale Wirtschaft

Vom Rackern in der Nische

Arbeiten in der Lausitz – für die meisten Betriebe bedeutet das, sich durchzukämpfen auf schmalem Grat. 71 Prozent der Südbrandenburger Unternehmen haben keinen oder maximal zehn Mitarbeiter. Die Firma Alpintechnik Bernhard aus Cottbus ist eine davon. Chef Thomas Bernhard hat einen Angestellten und bringt es auf einen Jahresumsatz von etwa 400 000 Euro. Seine Firma könnte mittlerweile fünfzehn Mitarbeiter zählen und größere Gewinnmargen einfahren. Aber dafür hätte der 35-Jährige die Lausitz verlassen müssen. Genau das will er partout nicht und rackert lieber im Kleinen weiter in seiner Nische – wie 28 500 andere Betriebe auch.
28.12.2005
Spezialist für Asbestsanierung
Arbeitsbeginn in luftiger Höhe: Industriebergsteiger Thomas Bernhard schwebt an einem Wohnblock in Bremen, um defekte Keramik-Kacheln auszutauschen. Zuvor hatte seine Firma an dem Block die Asbestfassade demontiert. Darauf ist der kleine Cottbuser Betrieb spezialisiert.
Nur zwei Wochen nach seiner Diplomverteidigung war Thomas Bernhard auf einmal Chef seiner eigenen Firma. Der Umwelttechniker übernahm die Alpintechnik 1996 von seinem Vorgänger. Zuvor hatte er mehrere Jahre als Student für das Unternehmen gearbeitet. «Das hat gepasst» , sagt er lapidar und streicht sich dabei seine störrischen blonden Haare aus der Stirn. Dass die Arbeit mit seinem Studium nichts zu tun hat, übergeht er mit einem verschmitzten Lächeln.
Wie der Firmenname verrät, ist Bernhard eigentlich Industriebergsteiger. Dabei ist das gar nicht mehr das Hauptgeschäft. «Wir haben uns einen Namen in der Gefahrstoffsanierung gemacht» , erklärt der Chef. 70 Prozent der Aufträge macht das aus. Seit fünf Jahren hat der Betrieb außerdem die Fugensanierung in seinem Portfolio. Die große Nachfrage in der Wohnblocksanierung in der Region füllte die Auftragsbücher so sehr, dass Bernhard 2002 fünf Leute einstellte. So befreiten seine Leute in Cottbus etwa 600 Wohnungen von Asbestresten. Sie waren aber auch bei Trevira in Berlin und Guben, im Kraftwerk Boxberg, bei den Stahlkochern in Eisenhüttenstadt oder der BASF in Schwarzheide im Einsatz. «Aber der Markt gibt es nicht her, dass ich diese Anzahl von Mitarbeitern den Winter durchfüttern kann. Dafür gibt es einfach zu viel Leerlauf» , sagt Bernhard im Nachhinein. Das «Experiment» ging nur ein Jahr lang gut. Seit 2003 leistet er sich nur noch einen Angestellten.
Solch eine Kleinfirma ist in der Lausitz nichts Ungewöhnliches. «Tatsächlich sind die Betriebsgrößen in Ostdeutschland deutlich kleiner als im Westen» , erklärt Dr. Joachim Ragnitz vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Der Wissenschaftler erklärt dies mit der «Transformation» und spielt damit auf die Wende an. «In Ostdeutschland gibt es zum einen viel mehr junge Unternehmen und zum anderen sind die Firmen oft aus der Not heraus gegründet worden. Sie halten sich mehr schlecht als recht am Markt und können sich gar nicht leisten, Mitarbeiter einzustellen» , sagt Ragnitz.

Große Beschäftigungseffekte
Dieser Wertung schließt sich auch Professor Stefan Zundel von der Fachhochschule Lausitz in Senftenberg an: «Die großen Kombinate sind alle über die Ufer gegangen. In der Lausitz sind im Prinzip nur Vattenfall und die BASF von den Großen übrig geblieben.» Doch an der vergleichsweise kleinen Betriebsstruktur der Lausitzer Unternehmen findet der Professor nichts Negatives: «Bei genauem Hinsehen zeigt sich schnell, dass die größeren Beschäftigungseffekte bei den kleinen Betrieben zu finden sind. Die Großen stellen weniger ein.» Eine Prognose für die Zukunft findet der IWH-Experte Ragnitz gewagt, erklärt dann aber doch: «In 30 Jahren wird sich die Betriebsgrößenstruktur vor allem im mittleren Sektor dem Westen angepasst haben.» Der Grund seien Konsolidierungseffekte am Markt. Einfach gesprochen: Wer gut ist, setzt sich durch und kann expandieren, der Rest geht unter.

Chance ohne Reue ausgeschlagen
Thomas Bernhard kämpft weiter im Kleinen. Dabei könnte die Firma längst größer sein. «Ich hatte im Jahr 2000 die Chance, die Firma auf 15 Angestellte durch einen Werksvertrag in Ludwigshafen zu erweitern» , erzählt er ohne Reue. Das wäre für die Alpintechnik gewesen. «Aber meine Priorität ist, dass ich hier bleibe» , sagt er und zeigt dabei mit dem Finger auf den Tisch.
Bei der Gefahrstoffsanierung sei die Konkurrenz nicht groß und um umfangreiche Aufträge annehmen zu können, arbeitet er mit Subunternehmen aus der Lausitz zusammen – im Besonderen mit der Kehl GmbH in Senftenberg. Doch die Region gibt nicht mehr viel her, Bernhard muss sich weiter umsehen. «Hier sind die großen Sanierungen im Wesentlichen durch» , sagt er. Heute kommen nur noch 40 Prozent seiner Aufträge aus der Region, 2002 waren es noch 70 Prozent. So ist der Unternehmer verstärkt in den alten Bundesländern unterwegs. Im Jahr packt er im Schnitt 60 000 Kilometer auf den Tacho. Die größte Baustelle befindet sich derzeit in Bremen, wo sieben Mann die Asbestfassade eines Wohnblocks demontieren. «Wir haben einen Folgevertrag für zwei weitere Blöcke bekommen, dass heißt, dort sind wir noch bis Ende 2006 im Einsatz» , erzählt Bernhard zufrieden. Eine solide Basis fürs neue Jahr.
Vielleicht flattern demnächst auch öfter solche Aufträge ins Büro, wie erst kürzlich die Fensterreinigung einer Villa in Görlitz. Dann kann der leidenschaftliche Bergsteiger mit viel zu wenig Zeit für dieses Hobby wenigstens Gurt und Seil anlegen. Von da oben ist die Aussicht zwar nicht so gut wie von der Großen Hunskirche in der Sächsischen Schweiz, aber immerhin muss er da auch raufklettern.
Hintergrund Lausitzer Betriebsgrößen
Von den rund 40 000 Betrieben im Bereich der Industrie- und Handelskammer Cottbus haben in diesem Jahr 12 100 nur ein bis zehn Angestellte, 16 400 sind Alleinkämpfer.
Im Vorjahresvergleich zeigt sich, dass es eine leichte Verschiebung zulasten der Firmen mit maximal zehn Beschäftigten gegeben hat. Denn 2004 gab es noch 12 400 Betriebe dieser Größenordnung und 13 500 Firmen ohne Mitarbeiter.

Von Peggy Kompalla
 
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