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Regionale Wirtschaft

Liebe auf den ersten Blick

Nur wenige Kilometer von der berühmten Burg Stolpen entfernt finden Besucher in der Oberlausitz eine Attraktion ganz anderer Art. Es ist der Alpakahof der Familie Grüttner in Langenwolmsdorf. Rund 100 Tiere zählt ihr erst vor sieben Jahren gegründeter Zuchtbetrieb heute. Der Bestand soll in den nächsten Jahren verdoppelt werden. Für Zucht und Tierhaltung sucht der Alpakahof aber auch noch Partner in der Niederlausitz.
21.01.2006
Es war Liebe auf den ersten Blick. Als Carmen und Karl-Heinz Grüttner 1997 Bekannte in Kanada besuchten, trafen sie dort auch auf die knuddeligen «Kamelschafe» , die so sanft summen können und deren Wolle zum Hochwertigsten gehört, was Textilbetriebe verarbeiten können. Früher als Europäer haben Kanadier und Australier die aus Südamerika stammenden Tiere in ihre Länder eingeführt. In einer EU-Machbarkeitsstudie wird der Bestand in Europa auf erst 10 000 Tiere geschätzt. Davon entfallen 6000 auf Großbritannien und etwa 2000 auf Deutschland.

«Kamelschafe» statt Büffel
Eigentlich wollte Karl-Heinz Grüttner eine Büffelzucht aufbauen. Doch er erkannte, dass dies viel aufwändiger wäre – und auch viel gefährlicher. Vielleicht doch nichts für Neueinsteiger. Zwar hat der 53-jährige Grüttner im Unterschied zu seiner Frau, einer gelernten Krankenschwester, schon immer in der Landwirtschaft gearbeitet, aber in der Pflanzenproduktion. Nach der Wende wurde das VEG (Volkseigene Gut), in dem er tätig war, aufgelöst. Aus der Baubrigade des VEG bildete sich ein eigenes kleines Unternehmen, dem aber mit dem Ende des ostdeutschen Bau-Booms die Aufträge ausgingen.
Ein neuer Lebensinhalt musste her, etwas, womit sich die im Familienbesitz befindlichen Wiesen wirtschaftlich verwerten ließen. Gewöhnliche Schafe schieden aus. Schäfereien, sagt Grüttner, könnten heute fast nur noch durch Subventionen überleben. Ein Schaf bringe einschließlich Schlachtung im Schnitt einen Umsatz von 129 Euro. Darin enthalten seien schon 61,64 Euro Subventionen. Für ein Kilogramm Schafwolle gebe es nur 30 bis 50 Cent. Mit 2,6 Millionen Tieren ist der Schafbestand in Deutschland auf dem niedrigsten Stand seit 1945.
Anders das Alpaka. Ein männliches Tier kostet mindestens 1500 Euro, ein weibliches 5000 bis 6000 Euro. Aber die Preise schwanken erheblich, je nachdem, wie die Tiere züchterisch bewertet werden. Dies ist der Punkt, an dem plausibel wird, warum er in der Niederlausitz weitere Interessenten für die Alpaka-Haltung sucht. Je größer ein für die Zucht verfügbarer Tierbestand, desto größer ist auf Sicht auch der züchterische Erfolg. Und der Tierbestand ist hier zu Lande eben noch sehr klein. Wettbewerber heißen deshalb Partner und sind gern gesehen. Neben dem züchterischen Aspekt nennt Grüttner einen industriellen: Verarbeiter brauchen größere Mengen Wolle. Ohne größere Mengen Wolle entstehen keine Verarbeitungsbetriebe. Die gibt es bislang vor allem in Übersee.
Grüttner erzählt von einer Kahnfahrt im Spreewald. Da habe er die vielen Flächen gesehen, auf denen er sich Alpakas gut vorstellen könne. Die Tiere seien sehr genügsam. 1000 Quadratmeter Weide reichten für die Haltung von zwei Alpakas. Gute Alpaka-Wolle bringe 25 Euro je Kilogramm, die kurzhaarige Wolle von Nacken und Beinen immerhin noch 12,50 Euro. «Wir züchten auf Feinheit, Weichheit und Glanz der Wolle» , erläutert Grüttner. Auch in der Dichte des Wollkleides sieht er Reserven. Die erwachsenen Tiere seiner Herde liefern derzeit jährlich 3,5 bis vier Kilogramm Wolle, in Kanada gezüchtete Alpakas geben fünf bis sechs Kilogramm Wolle ab.

Betten und Strickgarn im Hofladen
Allein vom Verkauf der Wolle kann der Alpakahof aber nicht existieren. Wichtiger ist der Verkauf gezüchteter Tiere. Umsatzzahlen nennt Grüttner allerdings nicht. Die Familie bietet auf ihrem Hof schon Alpaka-Steppbetten und Strickgarn an. Plüschtiere sollen folgen. Für diese Produkte wurden bereits Hersteller gefunden. Die Betten sollen besonders leicht und trotzdem sehr warm sein. Es gibt sie in einer Sommer- und in einer Winterausführung für 140 beziehungsweise 160 Euro. Grüttner nennt das «Freundschaftspreise» und auch etwas für Allergiker.
Interessenten ohne eigene Weiden bietet er eine Tierhaltung in Pension an. Der Alpakahof hat schon die ersten fünf Tiere in Pension. Das sei eine gute Geldanlage, betont Grüttner – auch zur Altersvorsorge. Der Aufbau einer eigenen kleinen Herde, beginnend mit zwei Weibchen, bringe mit Anschaffungs-, Pensions- und Deckkosten in den ersten drei Jahren zwar Aufwändungen von 15 000 bis 17 000 Euro. Aber schon mit dem Verkauf der ersten Tiere etwa im vierten und fünften Jahr werde die Bilanz ausgeglichen und komme dann stark in die Gewinnzone. «Rechnen Sie doch nach» , fordert Grüttner auf. Der Preis wird hier mit 5000 Euro pro Tier (Anschaffung und Verkauf) angenommen, die Unterbringungskosten betragen im Al-pakahof 500 Euro pro Tier und Jahr, die Deckkosten liegen bei etwa 800 Euro pro Tier und Jahr. Hinzu kommen die Wolle-Erträge. Die Rechnung funktioniert – freilich nur, wenn es immer genügend Käufer und folglich nicht irgendwann einen Preisverfall gibt. Allerdings hat Grüttner keine Fleischverwertung vorgesehen.
Alpakas können 20 Jahre alt werden. Im Alpakahof dürfen sie das auch. Geschlachtet wird nicht, nicht die Liebe auf den ersten Blick. Noch kennt Grüttner alle 100 Tiere mit Namen.
Hintergrund Freigehegehaltung auch bei strengem Frost
Alpakas wurden in Südamerika vor etwa 6000 Jahren domestiziert. Sie sind Grasfresser und mit den Lamas verwandt. Die Tiere sind zum Beispiel im kalten Hochland Perus heimisch und vertragen ohne Weiteres Temperaturen bis minus 35 Grad Celsius. Sie benötigen keine feste und frostsichere Stallung. Sie gelten als gutmütig, extrem genügsam, zäh und pflegeleicht. Informationen im Internet: www.alpaka-farm.de

Von Rolf Bartonek
 
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