Nach dem Erwerb des Drahtwerks Finsterwalde durch die voestalpine Austria Draht GmbH im vergangenen Jahr werden in dem zuletzt kontinuierlich gewachsenen Lausitzer Betrieb mit 169 Beschäftigten schon die nächsten Erweiterungsinvestitionen vorbereitet. Als Nächstes wird noch bis zum Sommer der eigene Bahnanschluss erweitert und modernisiert. Künftig sollen Züge mit je 22 Waggons, im Bahndeutsch Ganzzüge genannt, Walzdraht zur Weiterverarbeitung nach Finsterwalde bringen.
15.05.2007
«Ein Zug fasst bis zu 1000 Tonnen Walzdraht und ersetzt rund 40 Lkw-Fahrten» , sagt Gerhard Seereiner. «Wir wollen bei dieser Anlieferung voll auf die Schiene.» Derzeit liege der Anteil der Transporte auf der Straße bei der Walzdrahtanlieferung noch bei 20 bis 30 Prozent. Es sind weite Fahrten, sehr weite. Seereiner selbst legt die mehr als 800 Kilometer Strecke von Bruck an der Mur bei Graz in die Lausitz fast jede Woche zurück. Er ist im Drahtwerk, das jetzt voestalpine Draht Finsterwalde GmbH heißt, der aus der Ferne kommende Geschäftsführer, der Vertreter des neuen Eigentümers. Der Geschäftsführer aus der Nähe ist der langjährige Betriebsleiter Roland Ruben, ein gebürtiger Finsterwalder. Beide zusammen wollen das in den vergangenen Jahren unter den ehemaligen Gesellschaftern Wolfgang Lindner und Artur Kirchner höchst erfolgreiche Unternehmen weiter voranbringen. In Finsterwalde wird wie in Bruck Walzdraht geglüht, gezogen, gebeizt und dabei an der Oberfläche veredelt. Erst vergangenen Herbst hat der Betrieb seine Kapazitäten für das Glühen und Beizen erweitert. Auch eine moderne Lagerhalle wurde fertig. 93 000 Tonnen Drähte wurden 2006 in Finsterwalde produziert, das sind 13 Prozent mehr als 2005. Inzwischen seien auch die neuen Anlagen schon wieder an der Kapazitätsgrenze angelangt, berichtet Ruben. Um sie noch umfassender nutzen zu können, solle das Schichtsystem verändert werden. Seereiner nennt als Ziel für 2007, bei der Produktion von Drähten erstmals die 100 000-Tonnen-Marke zu knacken. Er fügt hinzu, die voestalpine plane bereits die erneute Erweiterung der Glüherei. Aber das lasse sich wegen der langen Anlagen-Lieferzeiten nicht vor Ende 2008 realisieren.
Hochproduktives Stauchen Seereiner erläutert, warum die voestalpine am richtigen Strang gezogen hat, als sie das Drahtwerk in Finsterwalde kaufte. Hier liege wie in Bruck der Schwerpunkt auf den besonders hochwertigen Kaltstauchdrähten. Beispielsweise bestehe der extrem beanspruchte schraubbare Metallfuß von Zündkerzen aus solchem Draht. Auch die Schrauben zum Befestigen der Räder mittels Radmuttern seien aus diesem Material. Kaltstauchdraht enthält Kohlenstoff und Zusätze wie Mangan, Bor und Chrom. Er muss sich beim Anwender stauchen lassen. Gegenüber dem Drehen von Teilen sei das Stauchen in einer Matritze viel produktiver und außerdem absolut abfallfrei, unterstreicht Seereiner. Deshalb wächst die Nachfrage nach Kaltstauchdraht seit Jahren. In Bruck wie in Finsterwalde werden jährlich jeweils rund 60 000 Tonnen davon produziert – im Lausitzer Werk entfällt der Rest vor allem auf Eisen- und Automatendraht. Mit einer Gesamtkapazität von 120 000 Tonnen in Bruck und Finsterwalde sei voestalpine nun der Marktführer bei Kaltstauchdraht, erklärt Seereiner. Und beide Werke könnten aus konzerneigenen Hütten mit Walzdraht versorgt werden. Diese günstige Konstellation hatte Lindner und Kirchner bewogen, ihr Unternehmen an die voestalpine zu verkaufen. Überdies, so Ruben, ergeben sich erhebliche Synergieeffekte dadurch, dass Kunden jetzt aus dem jeweils näher gelegenen Werk beliefert werden können. Bei den 120 000 Tonnen Kalt-stauchdraht pro Jahr aus beiden Werken soll es wegen des wachsenden Marktes nicht bleiben. Erweiterungsmöglichkeiten bestehen laut Seereiner aber nur in Finsterwalde, während der Betrieb in Bruck räumlich nicht mehr wachsen könne. Dort entsteht derzeit bereits eine der weltweit größten Ziehanlagen für Betonstahldrähte. Lieferanten sind der Maschinenbauer VWP aus Crinitz im Elbe-Elster-Kreis und sein Partnerbetrieb Kistner Anlagenbau GmbH aus Unna (Ruhrgebiet).
Platz für Erweiterungen Die Ausweitung der Produktion von Kaltstauchdraht soll in Finsterwalde erfolgen, wo das Unternehmen noch über genügend freie Flächen verfügt. In welchem Tempo die voestalpine hierbei vorgehen wird, ist noch offen. Profitieren werden die Lausitzer auch von Forschungsergebnissen des Konzerns. Der hat in Kooperation mit der Universität Leoben ein Qualitätsprüfverfahren entwickelt, mit dem erstmals in der Welt Drahtoberflächen während des Ziehprozesses auf Rissbildungen untersucht werden können. Es handelt sich um ein kombiniertes Verfahren mit optischer und mit Wirbelstrommessung (Stromfluss durch Riss verändert). «Alles, was wir hier tun, ist darauf gerichtet, die Wertschöpfung zu erhöhen» , betont Seereiner. Und fügt hinzu: «Unser wichtigstes Kapital sind unsere Mitarbeiter.»
Hintergrund Betrieb mit steiler Aufwärtsentwicklung
In das Drahtwerk Finsterwalde sind in den vergangenen zwölf Jahren mehr als 40 Millionen Euro investiert worden. Die Belegschaft wuchs seit 1994 von 58 auf 169 Mitarbeiter. Das ursprünglich für 2010 angepeilte Ziel einer Jahresproduktion von 100 000 Tonnen Drähte soll nun möglichst schon 2007 realisiert werden. Der Umsatz des Betriebes lag 2005 bei rund 67 Millionen Euro und 2006 bei 72 Millionen Euro.