Getrennt – und dennoch unter einem Dach
Ohne klare Regeln droht schnell Streit / Experten weisen auf familienrechliche und psychosoziale Aspekte hin
Esslingen/Berlin Nach einer Trennung stellt sich schnell die Frage, was aus der gemeinsamen Wohnung wird. Denn nicht selten wollen beide Partner bleiben. Getrennt unter einem Dach zu bleiben, ist aber nicht einfach. Wer es dennoch macht, muss klare Absprachen treffen.
Häufiger Beweggrund: finanzielle Engpässe. Es gibt zunächst ganz praktische Argumente dafür, wenigstens erst einmal weiter zusammen zu wohnen. „Häufig gibt es finanzielle Engpässe, da zwei Haushalte immer teurer sind als einer“, erläutert Eva Becker, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Familienrecht im Deutschen Anwaltverein in Berlin. „Für Paare, die eine Scheidung anvisieren, kann es Sinn machen, vor dem Auszug eines Partners die Weichen zu stellen und grundsätzliche Einigungen zu erzielen.“
Experiment Wohngemeinschaft. Es gibt aber eben auch Paare, die sich schlicht auseinandergelebt, aber kein hohes Konfliktpotenzial entwickelt haben. „Wenn dann Kinder mit im Spiel sind, kann die Überlegung entstehen, wie eine Wohngemeinschaft unter einem Dach zu bleiben“, erklärt Becker.
Zum Wohl der Kinder entscheiden. Eltern, die sich für eine Wohngemeinschaft entscheiden, weil sie ein schlechtes Gewissen gegenüber den Kindern haben und diesen etwas Gutes tun wollen, erweisen dem Nachwuchs keineswegs immer einen Gefallen. Denn in so einem Familiengefüge wissen die Kinder nicht, woran sie sind – und die Eltern werden leicht gegeneinander ausgespielt. „Kinder brauchen klare Regeln. Sie müssen wissen, wer wann und für was zuständig ist. Sonst lernen sie schnell den Mechanismus, sich ihren Vorteil rauszusuchen“, erklärt Roland Kachler, Leiter der psychologischen Beratungsstelle der Diakonie in Esslingen. „Das ist eine Verhaltensstrategie, die sie dann auch in ihrem späteren Leben umsetzen werden.“
Wenn sich nur einer noch Hoffnung macht, ist räumliche Trennung besser. Auch im Miteinander der Ex-Partner lauern diverse Fallstricke. Zum Beispiel auf der Gefühlsebene. „Wenn ein Partner innerlich mit der Beziehung abgeschlossen hat, der andere sich jedoch noch Hoffnungen macht, ist diese räumliche Nähe absolut kontraproduktiv“, sagt Monika Häußermann, Paartherapeutin aus Berlin. Das gelte erst recht, wenn einer der Beteiligten einen neuen Partner hat.
Trennungsjahr exakt festlegen. Formale Dinge, das Thema Geld, aber auch familienrechtliche Anforderungen können für neuen Streit sorgen. „Voraussetzung für eine Scheidung ist ein Trennungsjahr mit einem exakt definierten Beginndatum. Ab diesem Termin muss belegbar die Versorgungsgemeinschaft beendet sein“, erklärt Familienrechtlerin Becker. „Das heißt: Es muss klare Regeln zur Raumnutzung, zur Haushaltsorganisation, zu den Finanzströmen geben. Wenn beide in einer Wohngemeinschaft leben, entstehen rasch Grauzonen.“ Diese können dann zum Problem werden, wenn ein Partner später eine Scheidung hinauszögern möchte.
Nicht alte Wunden aufreißen. Im täglichen Miteinander helfen klare Regeln. „Es werden keine alten Hunde ausgegraben. Jetzt geht es darum, konkrete Regelungen für die Zukunft zu schaffen. Und: Die Kommunikation darf nicht unter die Gürtellinie gehen“, zählt Psychologe Kachler auf. Wenn es mal zum Streit kommt, ist eine rasche Schlichtung wichtig. „Man sollte von Anfang an klare Stopp-Zeichen vereinbaren.“ Wenn einer der beiden Betroffenen dieses Zeichen setzt, muss die Diskussion abgebrochen und vertagt werden.
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Artikel-Aktualisierungen:
Erstellt am: 08. Februar 2012, 00:00 Uhr
Geändert am: 14. April 2012, 03:00 Uhr
Autor: Von Eva Neumann
